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Goethes Anschauung der Natur, die Grundlage seiner sittlichen und ästhetischen Anschauungen in Entwicklung und Wandlung / von Oberlehrer Dr. Friedrich Braß
Entstehung
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Der inn'gen Beiden, Die ewige Liebe nur Vermags zu ſcheiden.

Welch ein Abſtand von jenem Gedanken, wie ſie das Fragment die Natur enthüllt. Dort, wie in der Anfangsperiode der Romantiker erſcheint das Leben als etwas vollkommen Willkürliches. Der Tod nur das Kunſtmittel der Natur, neues, an ſich gleichgültiges Leben zur Er⸗ ſcheinung zu rufen. Daher der Ekel Werthers an dieſem Leben, daher der(von Scherer wahrſcheinlich gemachte) Plan des Urfauſt, nach welchem Fauſt zu Grunde gehen ſollte, ſo gut wie Werther, weil er daran ver⸗ zweifelt, den alten Sauerteig zu verdauen, und die prächtige Ausdeutung Goethes im 13. Buch von Wahrheit und Dichtung, worin er dieſen Ekel an den Erſcheinungen des Lebens darauf zurückzuführen ſucht, daß für manche Menſchen alle Erſcheinungen ſich mit derſelben gleichgültigen Wiederkehr vor ihrer Seele auf und ab wälzen, und daß der Ernſt, mit dem mancher Denkende die Dinge betrachtet, ihn nur die Vergäng⸗ lichkeit und den völligen Unwert aller irdiſchen Dinge zeige. Bismarck entlehnt nur das Wort von Goethe, daß das Leben das An⸗ und Aus⸗ ziehen nicht wert wäre, wenn es ſeinen letzten Sinn im Leben ſelber habe. Daher in der erſten Periode das immerhin genialiſche Spielen mit dem Leben; aber ſchon in der zweiten Periode warnt er,wer mit dem Leben ſpielt, kommt nie zurecht. Die neu gewonnene Natureinſicht in die Entwicklung der Dinge führt ihn ſchon in der zweiten Periode zu einer AÄnderung ſeiner ſittlichen und künſtleriſchen Anſchauungen, die Charaktere ſeiner Dichtungen werden zu ſittlich ſtrebenden, und den bleibenden, ewigen Gehalt des Vergänglichen erſchließt uns die Kunſt im Typus. Die Bekanntſchaft mit Schiller und Kant führen Goethe zur letzten Stufe ſeiner Entwicklung empor, er ſchaut von oben auf das Leben herunter, und alle Erſcheinungen dieſes Lebens werden ihm ein gleichnis⸗ artiger Ausdruck des Unvergänglichen, ſei es eine organiſche Form, ſei es ein Gebilde der Kunſt, oder ſei es eine ſittliche auf irdiſche Ziele gerichtete That, von denen jedes Einzelne allerdings deswegen abſolut nichtig und wertlos iſt, weil es immer ein unzulänglicher Ausdruck des Ewigen bleibt und doch von höchſtem, unvergänglichem Werte, als in ihm gleichnis⸗ artig das Ewige in die Erſcheinung tritt.

Was alſo iſt für Goethe die Natur? Gewiß auch die organiſche Form, gewiß die Farbe, aber doch gewiß nicht weniger etwa das Gewiſſen in uns, daskeines Ahnherrn bedarf, das ſelbſtändigSonne unſerem Sittentag ſei, und die Kunſt, die als wirkſame Natur im Menſchen Seiten des Wirklichen und Realen offenbart, die allerdings mit den Sinnen nicht gefunden werden können.