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Und hat an ihm die Liebe gar Von oben Theil genommen, Begegnet ihm die ſel'ge Schaar Mit herzlichem Willkommen.
Schon dieſe Stelle ſollte vor dem Irrtum bewahren, Goethe habe einer ausſchließlichen Diesſeitigkeit das Wort geredet, und er habe alle Aufgaben des Menſchen als in dieſem Leben erfüllbar betrachtet. Gerade hier, bei der künſtleriſchen Darſtellung des Lebens gewahren wir, wie ſehr er alles das anerkennt, was im Leben über das Leben hinausweiſt. Das eine aber wollen wir gewiß zugeſtehen und finden in dieſem Zu⸗ geſtändnis nicht im entfernteſten einen Widerſpruch, daß das praktiſche Leben nicht wohl von etwas anderem ſeine Ziele empfangen könne, als von dem praktiſchen Leben ſelbſt. Das Wort eines modernen Denkers klingt etwas frech:„Bleibt der Erde treu, und glaubt denen nicht, welche euch von überirdiſchen Hoffnungen reden. Verächter des Lebens ſind es, Abſterbende, deren die Erde müde iſt. An der Erde zu freveln iſt jetzt das Furchtbarſte, und die Eingeweide des Unerforſchlichen höher zu achten als den Sinn der Erde.“ Und doch ſcheinen die erſten Verſe des Fauſt ſich damit zu decken. Ja, eine andere Stelle Goethes hat eine viel offen⸗ barere Ähnlichkeit mit dieſen Worten:„Man thut nicht wohl, ſich all⸗ zulange im Abſtrakten aufzuhalten, das Eſoteriſche ſchadet nur, indem es exoteriſch zu werden trachtet, Leben wird am beſten durchs Lebendige belehrt.“ Wir würden die Worte Goethes ſo auffaſſen: Ihm iſt alles Thun auf dieſer Erde und für dieſes Leben ein ſymboliſches Thun und ganz im proteſtantiſchen Sinne iſt ſein Gedanke, daß alles Handeln und Thun an ſich keinen Wert beanſpruche, als den, daß es ein ſtammelnder Ausdruck der Liebe ſei:„Und dein Streben ſei's in Liebe und dein Leben ſei die That.“ Aber zu befriedigen vermöchte dieſes Leben nicht, wenn ſein letzter Sinn eben„der Sinn der Erde“ wäre. So lange wir Menſchen ſind, ſollen wir einfach und ſchlicht dem Leben ſelber gehorchen. Immer in dem Gedanken, daß wir eine Zwienatur ſind, wie es die Verſe des Fauſt ausſprechen:
Uns bleibt ein Erdenreſt
Zu tragen peinlich,
Und wär er von Abbeſt,
Er iſt nicht reinlich.
Wenn ſtarke Geiſteskraft
Die Elemente an ſich herangerafft, Kein Engel trennte
Geeinte Zwienatur


