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religiöſen Lebens, aber er bringt auch unabhängig von der Religion die Kunſt hervor. ibid. Band 48 pag. 201:„Das Schöne iſt eine Mani⸗ feſtation geheimer Naturgeſetze, die uns ohne deſſen Erſcheinen ewig wären verborgen geblieben,“ und ferner„Wem die Natur ihr offenes Geheimnis zu enthüllen anfängt, der empfindet eine unwiderſtehliche Sehnſucht nach ihrer würdigſten Auslegerin, der Kunſt. Die Kunſt iſt eine Vermittlerin des Unausſprechlichen.“ Aus dem„Nachlaß“ aber ent⸗ nehmen wir das ſchöne Wort:„Die Kunſt ruht auf einer Art religiöſem Sinn, auf einem tiefen, unerſchütterlichen Ernſt, deswegen ſie ſich auch ſo gern mit der Religion vereinigt.“ Da nun gerade die idealiſtiſchen Richtungen der Philoſophie Fichtes, Hegels, Schellings in erſter Linie dem Unerforſchlichen ſich zugewandt hatten, da Schleiermachers Monologe und ſeine Predigten ſo gut wie der ganze Geiſt der romantiſchen Schule auf das lebendigſte ſogar in den Geſprächen des Tages das Thema des Unerforſchlichen erörterten, ſo mochte Goethe wohl ſagen:„Wer gegen⸗ wärtig über Kunſt ſchreiben oder gar ſtreiten will, der ſollte einige Ahn⸗ dung haben von dem, was die Philoſophie in unſeren Tagen geleiſtet hat.“ Gerade die realiſtiſchen Kunſtrichtungen unſerer Zeit, denen ein Peter Cornelius anfängt ganz unverſtändlich zu werden, möchten doch folgendes Wort einmal beherzigen:„Natur und Idee läßt ſich nicht trennen, ohne daß die Kunſt ſowie das Leben zerſtört werde. Wenn Künſtler von Natur ſprechen, ſubintelligiren ſie immer die Idee, ohne es ſich deutlich bewußt zu ſein. Ebenſo gehts allen, die ausſchließlich die Erfahrung anpreiſen; ſie bedenken nicht, daß die Erfahrung nur die Hälfte der Erfahrung iſt. Erſt hört man von Natur und Nachahmung derſelben, dann ſoll es eine ſchöne Natur geben. Man ſoll wählen, doch wohl das beſte! Und woran ſoll man's erkennen, nach welcher Norm ſoll man wählen? Und wo iſt denn die Norm? Doch wohl nicht auch in der Natur? Und geſetzt, der Gegenſtand wäre gegeben, der ſchönſte Baum im Walde, der in ſeiner Art als vollkommen auch vom Förſter anerkannt würde. Nun, um den Baum in ein Bild zu verwandeln, gehe ich um ihn herum und ſuche mir die ſchönſte Seite. Ich trete weit genug weg, um ihn völlig zu überſehen, ich warte ein günſtiges Licht ab und nun ſoll von dem Naturbaum noch viel auf das Papier übergegangen ſein! Der Laie mag das glauben, der Künſtler hinter den Kouliſſen ſeines Handwerks ſollte aufgeklärter ſein. Gerade das, was ungebildeten Menſchen am Kunſtwerk als Natur auffällt, das iſt nicht Natur(von außen), ſondern der Menſch(Natur von innen).“
Es wäre ſehr thöricht zu glauben, als weiſe der Sinn dieſer Worte die Kunſt aus dem Gebiete des Wirklichen derart in das Gebiet des Übernatürlichen, daß aller Willkür Thor und Thür geöffnet wäre, und
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