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Bildhauer.“ Und an einer weiteren Stelle:„Hier darf nun unmittelbar die höhere Betrachtung aller bildenden Kunſt eintreten; man ſieht deut⸗ licher ein, was es heißen wolle, daß Dichter und alle eigentlichen Künſtler geboren ſein müſſen. Es muß nämlich ihre innere produktive Kraft jene Nachbilder, die im Organ, in der Erinnerung, in der Einbildungskraft zurückgebliebenen Idole freiwillig ohne Vorſatz und Willen lebendig her⸗ vorthun. Sie müſſen ſich entfalten, wachſen, ſich ausdehnen und zu⸗ ſammenziehen, um aus flüchtigen Schemen wahrhaft gegenſtändliche Weſen zu werden.“ Erſt im Zuſammenhang mit dieſer Stelle gewinnt ein Wort ſein volles Verſtändnis, das Goethe einmal in dem Aufeſatz „Förderniß durch geiſtreiches Wort“ gebraucht:„Was nun von meinem gegenſtändlichen Denken geſagt iſt, mag ich wohl auch ebenmäßig auf eine gegenſtändliche Dichtung beziehen, mir drückten ſich gewiſſe große Motive, Legenden, uralt geſchichtlich Überliefertes ſo tief in den Sinn, daß ich ſie 40—50 Jahre lebendig und wirkſam im Innern erhielt; mir ſchien der ſchönſte Beſitz, ſolche werthe Bilder oft in der Einbildungskraft erneut zu ſehen, da ſie ſich dann zwar immer umgeſtalteten, doch ohne ſich zu verändern, einer reineren Form, einer entſchiedeneren Darſtellung entgegenreiften. Ich will hiervon nur die Braut von Korinth, den Gott und die Bajadere, den Grafen und die Zwerge, den Sänger und die Kinder und zuletzt noch den baldigſt mitzutheilenden Paria nennen.“ Und in der Fortſetzung ſeiner Beſprechung von Purkinje ſagt er:„Je größer das Talent, je entſchiedener bildet ſich gleich anfangs das zu produzirende Bild. Man ſehe Zeichnungen von Rafael und Michel⸗ angelo, wo auf der Stelle ein ſtrenger Umriß das, was dargeſtellt werden ſoll, vom Grunde loslöſt und körperlich einfaßt.“
Auf einem metaphyſiſchen Grunde, auf den uns ſelbſt ewig ver⸗ borgenen produktiven Kräften der Natur in uns, die wir genau wie die äußere Welt auch nur in ihren Wirkungen gewahren, beruht ihm das künſtleriſche Schaffen. Deutlicher als jemals in einer Periode vorher erkennt er nur das als Kunſtwerk an, was aus dieſem inneren Born gefloſſen iſt und er glaubt nicht, daß es auch nur möglich ſei, die Natur nachzuahmen, indem ſich der Künſtler mechaniſch an das Äußere hielte. Ein Vergleich der Maximen und Reflexionen über Kunſt(in dem von Otto Harnack herausgegebenen 48. Band der W. A.) mit dem ſchon zitierten Aufſatz über Nachahmung, Manier und Stil zeigt gerade im Zuſammenhange mit jener Stelle aus der Beſprechung Purkinjes, daß Goethe alles künſtleriſche Schaffen auf die geheimnisvolle Wirkung der Natur in uns in dieſer letzten Periode in viel weiterem Maße zurück⸗ führt, als er es bisher jemals gethan hatte. Dieſer, dem Menſchen ſelbſt verborgene innerſte Kern ſeiner Natur iſt in erſter Linie der Quell alles


