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Goethes Anschauung der Natur, die Grundlage seiner sittlichen und ästhetischen Anschauungen in Entwicklung und Wandlung / von Oberlehrer Dr. Friedrich Braß
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gethan. Die griechiſchen Götterbilder, wie der griechiſche Tempel deuten über dieſes Leben hinaus, wie die gotiſchen Dome, und Rafael ſo wenig wie Michelangelo, im Grunde genommen kein echter Künſtler, hat je⸗ mals darauf verzichtet, das bernatürliche darzuſtellen. Und treffend ſagt Goethe von ſeiner eigenſten Kunſt:Die Poeſie deutet auf die Ge⸗ heimniſſe der Natur und ſucht ſie durch das Bild zu löſen. Mehr aber als in unſerem Wiſſen kommt für Goethe das Wirken der Natur in der Kunſt zum Ausdruck. Ja, die Kunſt hat mit der Natur das gemeinſam, ſo verſtändlich beide an ſich ſind, ſo wenig laſſen ſie ſich von dem Ver⸗ ſtande begreifen und unter ein Geſetz zwingen.Die Unmöglichkeit, Rechenſchaft zu geben von dem Natur⸗ und Kunſtſchönen, denn

ad 1 müßten wir die Geſetze kennen, nach welchen die allgemeine Natur handeln will und handelt, wenn ſie kann.

ad 2 die Geſetze kennen, nach denen die allgemeine Natur unter der beſonderen Form der menſchlichen Natur produktiv handeln will und handelt, wenn ſie kann.

In den romantiſchen Kreiſen verbreiten ſich ſehr bald dieſe Goethe⸗ ſchen Anſchauungen; ein Wort des tüchtigen Immermann ſpricht faſt denſelben Gedanken aus: 14. Band der Schriften der Goethegeſellſchaft 1822Wir Jüngeren ſind ſämmtlich bei Ew. Excellenz in die Schule gegangen. Ihre Perſon hat für uns etwas Mythiſches gewonnen, und die Landsleute verehren in Ihnen nicht ein beſchränktes Einzelweſen, ſondern die Naturkraft ſelbſt, der es gefiel, ſich einmal verſchwenderiſch unter gewiſſen irdiſchen Bedingungen zu entfalten.

Natur alſo ſelber iſt im ſchaffenden Künſtler wirkſam. Die Kunſt⸗ werke haben, wie jedes echte Werk der Natur, etwas Unendliches in ſich, und ſind, wie er ſich in der italieniſchen Reiſe ausdrückt, diewahrſten Naturwerke. Schiller geſteht einmal in ſeinem Briefwechſel mit Goethe, daß der erſte Keim einer poetiſchen Schöpfung ſich ihm darin ankündige, daß er von einer gar nicht in ſeiner Willkür liegenden muſikaliſchen Stimmung befallen werde, aus der erſt nach und nach die greifbare Ge⸗ ſtalt eines künſtleriſchen Planes emporſteige. Noch intereſſantere Auf⸗ ſchlüſſe giebt uns Goethe über ſein Schaffen in einer Beſprechung von PurkinjesSehen in ſubjektiver Hinſicht:Von der Produktivität ſolcher inneren, vor die Augen gerufenen Bilder bliebe mir manches zu erzählen. Ich hatte die Gabe, wenn ich die Augen ſchloß und mit niedergeſenktem Haupte mir in der Mitte des Sehorgans eine Blume dachte, ſo verharrte ſie nicht einen Augenblick in ihrer erſten Geſtalt, ſondern ſie dehnte ſich auseinander und aus ihrem Innern entfalteten ſich wieder neue Blumen aus farbigen, auch wohl grünen Blättern. Es waren keine natürlichen Blumen, ſondern phantaſtiſche, jedoch regelmäßig, wie die Roſetten der

Braß, Goethes Anſchauung der Natur. 3