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Goethes Anschauung der Natur, die Grundlage seiner sittlichen und ästhetischen Anschauungen in Entwicklung und Wandlung / von Oberlehrer Dr. Friedrich Braß
Entstehung
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das Zufällige zum Herrn erhebt, unddie Menſchheit iſt von Geſchlecht zu Geſchlecht auf ein folgerechtes Thun entſchieden angewieſen. Sieht er bei den Erkenntnisarbeiten des Menſchen eine Förderung erſt darin, daß der Einzelne ſich einerſeits mit Gleichlebenden zu einer Geſellſchaft verbinde, andererſeits in ſeinem Denken und Forſchen da anknüpfe, wo eine frühere Periode aufgehört habe, und er das Produktive mit dem Hiſtoriſchen verbinde, ſo erſcheint ihm ſchon von dieſem Standpunkte aus das Individuum auf das feſteſte im Zuſammenhang mit dem großen Ganzen. In den Geſprächen mit Eckermann findet ſich das intereſſante Wort:Wieviel Knoten muß die Pflanze durchlaufen, ehe ſie die Blüte bildet. Wieviel Knoten die Wirbelſäule der Säugetiere, ehe der Kopf des Menſchen hervorgebracht wird, wieviel Knoten durchlief die franzöſiſche Kultur, ehe ſich der Kopf Voltaire bildete. So ſteht ihm alles Indi⸗ viduelle, auch noch ſo Beſondere, in einem organiſchen Entwicklungs⸗Zu⸗ ſammenhange mit der Gattung, der es angehört und der Zeit, in der es lebt. Auch die Arbeit der einzelnen Menſchen ſoll ſich in Bezug ſetzen zu der Mitwelt, und die Thätigkeit des Einzelnen zu einer Geſammtwirkung zu organiſieren, iſt die Aufgabe des Staates, der in erſter Linie dafür zu ſorgen hat, daß etwas gethan wird, nicht aber, daß über die Welt nachgedacht würde, denn das Denken des Menſchen iſoliert ihn. Alles Thun fordert den Anſchluß an andere.

Schon inWilhelm Meiſters Lehrjahren findet ſich das Wort Lotharios', daß die dem Staat zu entrichtende Steuer das erſte ſein müſſe, was der Menſch an Geld erübrige.Wilhelm Meiſters Wanderjahre aber verfolgen ja unabläſſig den Gedanken der Organiſation aller produktiven Kräfte in der Geſellſchaft, und in denWahlverwandtſchaften fordert er deshalb:Erziehet eure Söhne zu Dienern und eure Töchter zu Müttern. Ja er fordert geradezu eine monarchiſche Ordnung für den Staat mit den Worten:Alles eigentlich gemeinſame Gute muß durch das un⸗ umſchränkte Majeſtätsrecht gefördert werden(Siehe I. Teil der Wahl⸗ verwandtſchaften 6. Kap.). Es iſt bekannt, daß Goethe Zeit ſeines Lebens in ausgeſprochener Weiſe monarchiſtiſch geſonnen war. Aus den Ge⸗ ſprächen mit Eckermann erfahren wir, wie leidenſchaftlich er ſich gegen das nivellierende ſozialiſtiſche Syſtem St. Simons auflehnte. Denn in der That gewährt die monarchiſche Ordnung eines Staates eine ganz andere Gewähr für die Berückſichtigung individueller Eigentümlichkeiten.

Wir haben noch auf einen oben angedeuteten Punkt zurückzukommen. Die höchſte Form der Sittlichkeit wird bei Goethe zur Religion. Nicht nur aus ſittlichen Gründen, ſondern gerade aus religiöſen fordert er, daß der Menſch, dem ſich der Sinn der Welt auf dem Wege intellektueller Erkenntnis doch nicht erſchließen könne, es verſuche, im Handeln und