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Goethes Anschauung der Natur, die Grundlage seiner sittlichen und ästhetischen Anschauungen in Entwicklung und Wandlung / von Oberlehrer Dr. Friedrich Braß
Entstehung
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Wie es mir der Sinn gebietet, Wie es mir im Buſen ſchwellt: Was ich denke, was ich fühle,

Ein Geheimnis bleibe das.

Das vorgeſtellte Gedicht, das Gebet des Paria, ſowie der nachgeſtellte Dank des Paria erläutern dieſe Anſchauungen. So wird es erklärlich, weshalb Mephiſtopheles in den Teilen des Fauſt, die im Alter gedichtet ſind, nicht mehr der kalte, humoriſtiſche Weltverſtand iſt, ſondern ent⸗ ſchiedener eine Verkörperung des Böſen wird. Schon hier wird ſichtbar: Für Goethe liegt die Löſung der ſittlichen Frage nicht in einer für alle geltenden Moral, ſondern ſie ruht einzig und allein im religiöſen Leben.

Einſtweilen wenden wir uns nicht dieſer letzten Frage zu, ſondern einer anderen. Kant ſagt einmal:Nicht der Mann iſt der Menſch, noch auch das Weib, ſondern erſt Mann und Weib zuſammen. Goethe würde ſagen:Nicht der Einzelne iſt der Menſch, ſondern die Menſchheit. Zwar betont er den individualiſtiſchen Gedanken ſo ſtark wie möglich. In Ottiliens Tagebuch findet ſich die Stelle:Die Geſinnungen müſſen ſich ändern in einem Lande, wo Elephanten und Tiger zu Hauſe ſind. Aus Makariens Archiv aber im 18. Kap.Wilh. Meiſters Wanderjahre II. Teil entnehmen wir die Stelle:Die neueſte Philoſophie unſerer weſt⸗ lichen Nachbarn giebt ein Zeugniß, daß der Menſch, er gebärde ſich, wie er wolle, und ſo auch ganze Nationen, immer wieder zum Angeborenen zurückkehren; und wie wollte das anders ſein, da ja dieſes ſeine Natur und Lebensweiſe beſtimmt. Und er fährt weiter fort:Die Franzoſen haben dem Materialismus entſagt und den Uranfängen etwas mehr Geiſt und Leben zuerkannt. Sie haben ſich vom Senſualismus losgemacht und den Tiefen der menſchlichen Natur eine Entwicklung aus ſich ſelbſt ein⸗ geſtanden. Sie laſſen in ihr eine produktive Kraft gelten und ſuchen nicht alle Kunſt aus Nachahmung eines gewahr gewordenen Äußeren zu erklären. In ſolchen Richtungen mögen ſie beharren. Auf zwei Gründe alſo führt Goethe ſeinen Individualismus zurück. Auf die Beſonderheit, die uns angeboren iſt und auf die Beſonderheit, welche durch äußere Umſtände noch erbracht wird. Aber ſo ſtark, wie er ihn betont, ſo wenig ſieht er darin ein Hinderungsmittel der Organiſation der Einzelnen zu höheren Verbänden. Die ganze Menſchheit iſt ihm auch wieder ein Individuum; das hat er am großartigſten einmal ausgeſprochen nach dem Tode von Karl Auguſt in einem Briefe, der an Beulwitz gerichtet, an das Ende des Briefwechſels mit Karl Auguſt geſtellt iſt:Die ver⸗ nünftige Welt iſt als ein großes unſterbliches Individuum zu betrachten, welches unaufhaltſam das Notwendige bewirkt und dadurch ſich ſogar über