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bemerkenswerte Stelle:„Unſere Zuſtände ſchreiben wir bald Gott, bald dem Teufel zu, und fehlen ein wie das andere Mal. In uns ſelbſt liegt das Rätſel, die wir Ausgeburt zweier Welten ſind. Mit der Farbe gehts ebenſo.“ Sein Dualismus alſo beruht auf der Anſchauung, daß innere wie äußere Zuſtände dem Geſetze der Polarität, dem Auseinanderſtreben in zwei Gegenſätze unterworfen ſeien. Das dualiſtiſche auf dem ſittlichen Gebiet, die Scheidung des Menſchen in Gut und Böſe, hat Goethe un⸗ vergleichlich in der großartigen„Legende“:„Waſſer holen geht die reine, ſchöne Frau des hohen Brahmen“ dargeſtellt, wie ihrem Geiſte die Ver⸗ ſuchung ſich genaht hat und ſie von dem richtenden Gatten mit dem Schwerte gerichtet iſt, da liegen überkreuzt plötzlich zweier Frauen Körper, und in der liebenden Übereilung fügt der Sohn mit dem Schwerte das Haupt des guten Menſchen und den Leib des böſen zu einer Einheit zuſammen.
„Auferſteht ein Rieſenbildnis,
Von der Mutter teuren Lippen
Göttlich unverändert ſüßen
Tönt das grauſenvolle Wort:
Weh, o Sohn welch Übereilen,
Deiner Mutter Leichnam dorten
Neben ihm das freche Haupt
Der Verbrecherin, des Opfers
Waltender Gerechtigkeit.
Mich nun haſt du ihrem Körper
Eingeimpft auf ewige Tage;
Weiſen Wollens, wilden Handelns
Werd ich unter Göttern ſein.“
So wird ſie Mutter aller Erdenſöhne, die ſie mit dem tröſtenden Worte in die Welt entläßt:
„Nicht ein traurig Büßen, ſtumpfes Harren, ſtolz Verdienen halt Euch in der Wildnis feſt; wandert aus durch alle Welten, wandelt hin durch alle Zeiten und verkündet auch Geringſtem, daß ihn Brahma droben hört. Ihm iſt keiner der Geringſte. Wer ſich mit gelähmten Gliedern, ſich mit wild zerſtörtem Geiſte, düſter ohne Hülf' und Rettung, ſei er Brahme, ſei er Paria, mit dem Blick nach oben kehrt, wirds empfinden, wirds erfahren: Dort erglühen tauſend Augen, ruhend lauſchen tauſend Ohren, denen nichts verborgen bleibt. Heb ich mich zu ſeinem Throne, ſchaut er mich, die Grauſenhafte, die er gräßlich umgeſchaffen, muß er ewig mich bejammern, euch zu Gute komme das. Und ich werd ihn freundlich mahnen, und ich werd ihm wütend ſagen:


