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Goethes Anschauung der Natur, die Grundlage seiner sittlichen und ästhetischen Anschauungen in Entwicklung und Wandlung / von Oberlehrer Dr. Friedrich Braß
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Vorteil haben, uns mit der Welt aus ihrem Standpunkt zu vergleichen und daher nähere Kenntnis von uns zu erlangen, als wir ſelbſt ge⸗ winnen mögen. Im 13. Buche vonWahrheit und Dichtung aber ſagt er zu dem ſelben Kapitel der Selbſterkenntnis:Wie ſpät lernen wir einſehen, daß wir, indem wir unſere Tugenden ausbilden, unſere Fehler zugleich mit anbauen. Jene ruhen auf dieſen, wie auf ihrer Wurzel, und dieſe verzweigen ſich insgeheim eben ſo ſtark, und ſo mannigfaltig, als jene im offenbaren Lichte. Weil wir nun unſere Tugenden meiſt mit Willen und Bewußtſein ausüben, von unſeren Fehlern aber unbewußt überraſcht werden, ſo machen uns jene ſelten einige Freude, dieſe hin⸗ gegen beſtändig Noth und Qual. Hier liegt der ſchwerſte Punkt der Selbſterkennntnis, der ſie beinahe unmöglich macht. Nebenbei bemerkt, hat ſich Friedrich Nietzſche nur die Anſchauung Goethes angeeignet in dem ſchönen Kapitel des ZarathuſtraVon tauſend und einem Ziele und faſt wörtlich paraphraſiert er das letztgenannte Goetheſche Wort:Es iſt mit dem Menſchen wie mit dem Baume, je mehr er hinauf in die Höhe und Helle will, um ſo ſtärker ſtreben ſeine Wurzeln erdwärts, abwärts, ins Dunkle, Tiefe, ins Böſe.

Es läßt ſich nicht verkennen, auf zwei Grundgedanken ruht das Eigentümliche von Goethes ſittlichen Anſchauungen: auf dem Individualis⸗ mus ſein ganzes Leben hindurch, auf der Anſchauung eines ſittlichen Dualismus im Menſchen im Alter. Seinen Individualismus kennzeichnen die Worte:Ein jeder Menſch ſieht die fertige und geregelte, gebildete, vollkommene Welt doch nur als ein Element an, woraus er ſich eine beſondere, ihm angemeſſene Welt zu erſchaffen bemüht iſt. Tüchtige Menſchen ergreifen ſie ohne Bedenken, und ſuchen damit, wie es gehen will, zu gebahren, andere zaudern an ihr herum, andere zweifeln ſogar an ihrem Daſein. Gewiß will Goethe auch mit dem letzten Worte niemand ſchelten, ſondern nur darthun, wie ſich durch die von der Natur feſt gegebene Individualität eines jeden die Welt in jedem Kopfe anders ſpiegeln muß, und alſo auch das Thun des einen dem Thun des andern nicht gleichen kann. Denn er fährt weiter fort:Wer ſich von dieſer Grundwahrheit recht durchdrungen fühlt, würde mit niemandem ſtreiten, ſondern nur die Vorſtellungsart eines andern wie ſeine eigene als ein Phänomen betrachten. Denn wir erfahren faſt täglich, daß der eine mit Bequemlichkeit denken mag, was dem andern zu denken unmöglich iſt. Beſonders bemerkenswert iſt es, daß wir dieſe Stelle über die ſittliche Natur des Menſchen in Goethes naturwiſſenſchaftlichen Schriften finden. Da recht eigentlich gehört ſie ja hin, Bd. 1, S. 135. Auch über den ſittlichen Dualismus der Menſchennatur finden wir in den Aphorismen zur Naturwiſſenſchaft im Allgemeinen ibid. pag. 146 folgende