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von Natur aus dazu beſtimmt, als eine Individualität aufzutreten und alles Geſetz, dem wir uns unterwerfen, dürfe an der angeborenen Eigen⸗ tümlichkeit nichts verderben und verpfuſchen, ſondern dürfe nur eine Er⸗ gänzung zu derſelben bilden. Denn nach ſeiner Anſchauung laſſen ſich ſchlechtweg alle Kräfte des Menſchen dienſtbar machen der Idee des Guten. Hier nun iſt es am Platze auf den ſchon angedeuteten Gegenſatz zu kommen, der Kant und Goethe von einander trennt.
Wir führten ſchon aus, daß Kant ein gewiſſes Übergewicht eines allgemein gültigen Rationellen in ſeinen Theorien habe. So unergreifbar dem Sinn und Geiſt des Menſchen das Ding an ſich iſt, ſo iſt es für Kant doch eine objektive Größe, die in allen normal begabten Menſchen dieſelbe Geſetzmäßigkeit der Erſcheinungen hervorruft, auf das alſo auch praktiſch und ſittlich das normale Individuum in gleicher Weiſe zu reagieren hat. Wie er in ſeiner Mechanik der Himmelskörper auf etwas eindeutig Geſetzmäßiges ſtößt, ſo formt er als ſittliche Norm ſeinen kategoriſchen Imperativ,„handle ſtets ſo, daß die Maxime deines Handelns ſich zur allgemeinen Geſetzgebung eigne“, und ihm ſchwebt als letztes Ent⸗ wicklungsziel des Menſchengeſchlechtes der Rechtsſtaat vor, in welchem jede Beziehung der Einzelnen untereinander, ſowie des Einzelnen zur Allgemeinheit nach feſten Rechtsnormen, dem Rechte entſprechend, geſchieht. Wie weit der römiſche Rechts⸗ und Staatsbegriff hier ſeinen idealſten Ausdruck gefunden hat, iſt nicht Sache dieſer Unterſuchung. Dem in ſeinem Denken urdeutſchen Goethe ſchwebt allerdings ein ganz anderes Ziel vor: Ihm iſt die objektive Welt keine eindeutige, und das praktiſche Verhalten des Menſchen der Natur und den Mitmenſchen gegenüber nicht unter eine ſolche allgemein gültige Norm zu bringen, daß ſich der Grund⸗ gedanke des einen auch für einen zweiten, geſchweige denn für die All⸗ gemeinheit zur Norm eigne. Sein Wort:„Sehe jeder, wo er bleibe, ſehe jeder, wie ers treibe“, iſt aber von einem ſittlichen Indifferentismus weit entfernt. Kants ſittliche Anſchauungen beruhen auf dem alten ſokratiſchen Grundgedanken, daß eine Selbſterkenntnis möglich ſei. Nichts aber iſt Goethe von früher Jugend an ſo problematiſch erſchienen, als das Wort:„Erkenne dich ſelbſt“.„Hierbei bekenne ich, daß mir von jeher die große und ſo bedeutend klingende Aufgabe:„erkenne dich ſelbſt“ immer verdächtig vorkam. Als eine Liſt geheim verbündeter Prieſter, die den Menſchen durch unerreichbare Forderungen verwirren, und von der Thätigkeit gegen die Außenwelt zu einer inneren, falſchen Beſchau⸗ lichkeit verleiten wollten. Der Menſch kennt nur ſich ſelbſt, inſofern er die Welt kennt, die er nur in ſich und ſich nur in ihr gewahr wird. Jeder neue Gegenſtand, wohl beſchaut, ſchließt ein neues Organ in uns auf. Am aller förderſamſten aber ſind unſere Nebenmenſchen, welche den


