Druckschrift 
Goethes Anschauung der Natur, die Grundlage seiner sittlichen und ästhetischen Anschauungen in Entwicklung und Wandlung / von Oberlehrer Dr. Friedrich Braß
Entstehung
Einzelbild herunterladen

26

ſelbſt, mehr aber noch in den Menſchen liegt. Von dieſem Prob⸗ lematiſchen ſagt er:Man ſagt, zwiſchen zwei entgegengeſetzten Meinungen liege die Wahrheit mitten inne, keineswegs. Das Problem liegt da⸗ zwiſchen, das Unſchaubare, das ewig thätige Leben in Ruhe gedacht.

Zuſammenfaſſend kann man ſagen, daß für Goethe die Natur in erſter Linie ein Dynamiſches, Geiſtiges iſt, deſſen Hauptwirkung darin beſteht, in der mannigfaltigſten Weiſe Vorſtellungen in uns zu erzeugen, die, ſo verſchieden ſie von einander ſein mögen, doch alle in gleicher Weiſe Naturphänomene ſind. Das Objektive, was dieſen Vorſtellungen entſpricht, hat nichts atomiſtiſch⸗materielles. Wie ließe ſich ſonſt der folgende Satz verſtehen:Grundeigenſchaft der lebendigen Einheit, ſich zu trennen, ſich zu vereinen, ſich ins allgemeine zu ergehen, im Be⸗ ſonderen zu verharren, ſich zu verwandlen, ſich zu ſpecificiren und wie das Lebendige unter tauſend Bedingungen ſich darthun mag, hervor⸗ zutreten und zu verſchwinden, zu ſolidesciren und zu verſchmelzen, zu erſtarren und zu fließen, ſich auszudehnen und ſich zuſammenzuziehen. Weil nun alle dieſe Wirkungen im gleichen Zeitmoment zugleich vorgehen, ſo kann alles und jedes zu gleicher Zeit eintreten, entſtehen und ver⸗ gehen, ſchaffen und vernichten, Geburt und Tod, Freud und Leid. (Die letzten beiden Worte zeigen, wie Goethe äußere und innere Er⸗ ſcheinungen als gleichartige Außerungen der Natur betrachtet.)Alles wirkt durcheinander in gleichem Sinn und gleichem Maße, deswegen denn auch das Beſonderſte, das ſich ereignet, immer als Bild und Gleichniß des allgemeinſten auftritt. Das Schlußwort des Fauſt:Alles Irdiſche iſt nur ein Gleichniß, empfängt hierdurch ſeinen beſten Kommentar, wie auch das Proſawortwas iſt das Allgemeine? Der Einzelfall. Gleich⸗ nisartig und doch unzulänglich, wie eben ein Gleichnis, drückt alles Ver⸗ gängliche den Sinn des Allgemeinen wohl aus, den Sinn des ewig Schaffenden und Hervorbringenden, des Ewig⸗Weiblichen.(Kaum eine Stelle des ganzen Fauſt iſt ſo oft mißverſtanden als dieſes letzte Schluß⸗ wort.)

Aber wir wenden uns nun den ſittlichen Konſequenzen zu, welche dieſe Naturanſchauung bei Goethe erbrachte. Dem Betrachter des Goethe⸗ ſchen Lebens kann gerade bei der Bemühung, Perioden in demſelben abzuteilen, eine Wahrnehmung nicht entgehen. Die Grundanſchauungen des ganzen Lebens bleiben eigentlich, Schwankungen zugeſtanden, wo nicht die gleichen, ſo doch ſo ſonderbar verwandt, daß man immer wieder ſtutzig wird, ob man denn berechtigt ſei, hier oder da einen Einſchnitt zu machen, und von einem beſtimmten Zeitmoment an eine Epoche zu datieren. Bei einigen Grundanſchauungen verharrt Goethe Zeit ſeines Lebens und hierzu gehört die innigſte Überzeugung, der Einzelmenſch ſei