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Goethes Anschauung der Natur, die Grundlage seiner sittlichen und ästhetischen Anschauungen in Entwicklung und Wandlung / von Oberlehrer Dr. Friedrich Braß
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ſchlag zur Güte pag. 65 ibid.)Von dieſen genannten ſämmtlichen Wirkſamkeiten und vielen anderen verſchwiſterten hat die gütige Mutter niemanden ausgeſchloſſen, ein Kind, ein Idiot macht wohl eine Be⸗ merkung, die dem gewandteſten entgeht, und eignet ſich von dem großen Gemeingut heiter unbewußt ſein beſcheiden Theil zu.

Ein großes Gemeingut der ganzen Menſchheit, nicht aber die Sache einzelner Bevorzugter iſt es, die Natur zu betrachten und auszudeuten und jeder einzelne hat bei ſeiner Art zu denken recht. Es giebt nicht eine Wahrheit, ſondern Wahrheiten, die bei Goethe alle das eine einzige Merkmal haben, daß ſie ſich fruchtbar erweiſen müſſen.

Daher ſagt er:Bei der gegenwärtigen Lage der Naturwiſſenſchaft muß daher immer wiederholt zur Sprache kommen, was ſie fördern und was ſie hindern kann und nichts wird förderlicher ſein, als wenn jeder an ſeinem Platze feſthält, weiß, was er vermag, ausübt, was er kann, anderen dagegen die gleiche Befugniß zugeſteht, daß auch ſie wirken und leiſten. Es iſt ganz erſichtlich, daß ſich mit dieſer Forderung nicht ver⸗ tragen würde die Anſchauung, die ganze Natur ſei eine nur eindeutige. Die ganze Menſchheit erſt, nicht der Einzelne, gelangt zur Naturerkenntnis, daher das Dringen Goethes in dieſer Periode auf Begründung wiſſen⸗ ſchaftlicher Geſellſchaften. Schon 1793 ſagt er:Es gilt alſo auch hier, was bei ſo vielen anderen menſchlichen Unternehmungen gilt, daß nur das Intereſſe mehrerer auf einen Punkt gerichtet, etwas vorzügliches hervorzubringen im Stande ſei; und weiter:Schon iſt eine Wiſſenſchaft an und für ſich ſelbſt eine ſo große Maſſe, daß ſie viele Menſchen trägt, wenn ſie gleich kein Menſch tragen kann. Und in der Beſprechung von Purkinjes:Sehen in ſubjektiver Beziehung bemerkt er:Nichts aber iſt nöthiger, als daß man lerne, eigenes Thun und Vollbringen an das anzuſchließen, was andere gethan und vollbracht haben: Das Produktive mit dem Hiſtoriſchen zu verbinden. Und in die ferne Zukunft blickend, ſchreibt er:Wenn die Hoffnungen ſich verwirklichen, daß die Menſchen ſich mit allen ihren Kräften, mit Herz und Geiſt, mit Verſtand und Liebe vereinigen, und von einander Kenntniß nehmen, ſo wird ſich er⸗ eignen, woran jetzt noch kein Menſch denken kann, die Mathematiker werden ſich des Dünkels entäußern, als Univerſalmonarchen über alles zu herrſchen, ſie werden ſich nicht mehr beigehen laſſen, alles für nichtig, alles für inexact, für unzulänglich zu erklären, was ſich nicht dem Kalkül unterwerfen läßt. Und wenige Seiten weiter:Ferner bedenke man, daß man immer mit einem unauflöslichen Problem zu thun habe und erweiſe ſich friſch und treu, alles das zu beachten, was irgend zur Sprache kommt; am meiſten das, was uns widerſtrebt. Denn dadurch wird man am erſten das Problematiſche gewahr, welches zwar in den Gegenſtänden