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des Thuns und Handelns, thätig wird er ſich ſelten verirren, das höhere Denken, Schließen und Urtheilen jedoch iſt nicht ſeine Sache.“
Alſo nur für eine Seite der Natur und des Lebens iſt der Verſtand das eigentliche Organ. Aber die Natur hat Seiten, in die wir mit dem Verſtande nicht einzudringen vermögen, die von anderen Kräften in unſerer Natur ergriffen ſein wollen. Aus der Periode des Rationalismus aber ſtand immer noch Verſtand und Vernunft als Erkenntnisorgane auf der höchſten Stufe der menſchlichen Fähigkeiten, ſodaß man das Seelen⸗ vermögen in ein höheres und niederes einzuteilen pflegte. Hiergegen wendet ſich Goethe mit ganzer Entſchiedenheit in der Beſprechung von Siedenroths Pſychologie. Der hier gebotenen Kürze halber ſei nur ein Satz angeführt:„In dem menſchlichen Geiſte ſowie im Univerſum iſt nichts oben noch unten, alles fordert gleiche Rechte an einem gemeinſamen Mittelpunkt, der ſein geheimes Daſein eben durch das harmoniſche Ver⸗ hältniß aller Theile zu ihm manifeſtirt.“ Daher die Forderung Goethes, alle Kräfte ſo zu entwickeln, daß eine Totalität menſchlicher Begabung ſich geſtalte:„Sinnlichkeit und Vernunft, Einbildungskraft und Verſtand zu einer entſchiedenen Einheit auszubilden“, und das Univerſum„mit vollem Geiſte und aus allen Kräften“ zu betrachten. Denn„man kann in der Naturwiſſenſchaft über manche Probleme nicht gehörig ſprechen, wenn man die Metaphyſik nicht zu Hülfe ruft. Aber nicht jene Schul⸗ und Wortweisheit: es iſt dasjenige, was vor, mit und nach der Phyſik war, iſt und ſein wird.“ Helmholtz ſagt in dem kleinen Rückblick auf ſein Leben im I. Band ſeiner geſammelten Vorträge, daß er es deswegen in der Mechanik weiter gebracht habe, weil er bei einer Maſchine un⸗ mittelbar fühle, wie das eine zerren, das andere hemmen, und ſo die gewünſchte Bewegung herauskommen werde, ſo erinnert das wohl daran, wenn Goethe einmal von der Phyſik fordert, daß ſie mit allen liebenden, verehrenden, frommen Kräften in die Natur und das heilige Leben der⸗ ſelben einzudringen ſuche. Erſt alle ſeeliſchen Kräfte vereint dringen in die Natur wirklich ein. Und nicht dem individuell ausgeprägten Einzel⸗ menſchen ſondern nur der Arbeit der ganzen Menſchheit verdanken wir es, wenn uns die Natur nicht ſtumm geblieben iſt.
Schiller wundert ſich einmal(Goethe⸗Schiller Briefwechſel), daß Goethe behauptet, jeder Menſch ſei ein Supplement der ganzen Menſch⸗ heit. Damit erkennt Goethe in jedem Menſchen die Fähigkeit an, die ganze Menſchheit zu fördern, indem er ſie durch ſeine Eigenart ergänzt. Wenn auch die Naturbetrachtung von den verſchiedenſten Standpunkten aus geübt wird, ſo iſt doch keiner dieſer Standpunkte auszuſchließen. So wenig das„friſche Kind als der ernſteſte Betrachter“.(Vergl. den Vor⸗


