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Goethes Anschauung der Natur, die Grundlage seiner sittlichen und ästhetischen Anschauungen in Entwicklung und Wandlung / von Oberlehrer Dr. Friedrich Braß
Entstehung
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daß 1. der Begriff der Natur zu einſeitig als atomiſtiſch aufgefaßt wurde, daß 2. der Menſch ſich bei der nächſten greifbaren Urſache zu leicht be⸗ ruhigt, daß er 3. die Erſcheinungen in ſeiner Betrachtung zu ſehr iſoliert, namentlich bei dem Experiment und daß ihm 4.(hierin erkennen wir die bedeutſamſte der Goetheſchen Anſchauungen) der Begriff des Ent⸗ ſtehens gänzlich verſagt iſt. Was den 1. und 2. Punkt angeht, ſo ſagt er einmal:die nächſten faßlichen Urſachen ſind greiflich und eben deshalb am begreiflichſten, weswegen wir uns gern als mechaniſch denken, was höherer Art iſt. Und ein andermal ſagt er:Wie manches Be⸗ deutende ſieht man aus Teilen zuſammenſetzen; man betrachte die Werke der Baukunſt; man ſieht manches regel⸗ und unregelmäßig ſich anhäufen; daher iſt uns der atomiſtiſche Begriff nahe und bequem zur Hand; deshalb wir uns nicht ſcheuen, ihn auch in organiſchen Fällen anzuwenden. Aber ſchon in dem 1787 in Italien entſtandenen Auf⸗ ſatze ſagt er:Das Meſſen eines Dings iſt eine grobe Handlung, die auf lebendige Körper nicht anders als höchſt unvollkommen angewandt werden kann. Ein lebendig exiſtierendes Ding kann durch nichts gemeſſen werden, was außer ihm iſt, ſondern, wenn es ja geſchehen ſollte, müßte es den Maßſtab ſelbſt dazu hergeben. Dieſer aber iſt höchſt geiſtig und kann durch die Sinne nicht gefunden werden. Jedes, auch das eingeſchränkteſte lebendige Weſen hat etwas Unendliches in ſich, wenn wir nicht lieber ſagen wollen, daß wir den Begriff der Exiſtenz und der Vollkommenheit des eingeſchränkteſten lebendigen Weſens nicht ganz faſſen können und es alſo ebenſo wie das ungeheure Ganze, in dem alle Exiſtenzen begriffen ſind, für unendlich erklären müſſen! Ich führe abſichtlich dieſe Stelle aus der früheren Periode Goethes an, um zu zeigen, wie organiſch aus ſeinen eigenen Anſchauungen die kaum der fremden Beeinfluſſung be⸗ dürfen, ſich die Anſchauungen ſeines reifſten Alters entwickeln. Die erſte Fehlerquelle einer unzulänglichen Naturbetrachtung beſtand alſo für Goethe in der voreiligen Erfaſſung eines Phänomens als Urſache und in der beſchränkten Art, lebendige Organismen atomiſtiſch erklären zu wollen. Der zweite Fehler beſteht ihm in dem Iſolieren von Erſcheinungen. So ſagt er einmal:Kein Phänomen erklärt ſich an und aus ſich ſelbſt, nur viele zuſammen überſchaut, methodiſch geordnet, geben zuletzt etwas, was für Theorie gelten könnte. Man vergleiche hier den 1793 entſtandenen Verſuch als Vermittler von Objekt und Subjekt. So ſagt er pag. 28: Ein Verſuch, ja mehrere Verſuche in Verbindung beweiſen nichts, und es ſei nichts gefährlicher als irgend einen Satz durch Verſuche beſtätigen zu wollen. Ferner pag. 161:Der Fehler ſchwacher Geiſter iſt, daß ſie im Reflektieren ſogleich vom Einzelnen ins Allgemeine gehen, anſtatt daß man nur in der Geſammtheit das Allgemeine ſuchen kann.