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Goethes Anschauung der Natur, die Grundlage seiner sittlichen und ästhetischen Anschauungen in Entwicklung und Wandlung / von Oberlehrer Dr. Friedrich Braß
Entstehung
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zur kleinſten Schaar. Aber das Wirkliche fällt keineswegs zuſammen mit der bloßen ſichtbaren Welt. Das Wirkliche hat vielmehr Seiten, die weder dem Sinne noch dem Verſtande zugänglich ſind, ſondern wie ſich zeigen wird, nur mit anderen Kräften wahrnehmbar ſind. Mannigfach gefördert aber auch vielfach bedrängt durch die Kantiſche Philoſophie hat Goethe, ſeinen früheren Standpunkt erweiternd, ſeine neue Naturanſchauung gebildet. War die frühere Stufe gekennzeichnet dadurch, daß ſie den Begriff der Entwicklung aufnahm, ſo bildet die folgende Stufe dieſen Begriff weiter. Der Begriff der analytiſchen Entwicklung nämlich ent⸗ hält noch keineswegs den Begriff der Steigerung, ja, er läßt ſogar den Begriff eines Niederganges mit zu. Vergegenwärtigen wir uns die Entwicklung des römiſchen Staates, ſo würden wir mit Montesquieu Betrachtungen anſtellen über die Urſachen des Aufſteigens wie des Nieder⸗ ganges der römiſchen Macht. Sehr intereſſant iſt es nun, daß Goethe zu ſeiner Freude entdecken mußte, daß gleichzeitig und unabhängig von ihm der Petersburger Botaniker Wolff auf dasſelbe Geſetz der Meta⸗ morphoſe der Pflanzen geſtoßen war wie er ſelbſt. Während aber Goethe in der Entwicklung des Pflanzenblattes zur Blüte die höchſte Steigerung entdeckt, deren die Pflanze fähig iſt, ſieht Wolff in dem Blühen bereits den Niedergang der Kraft. Verallgemeinert können wir ſagen: Goethe erblickt im Pflanzenleben ein wahrnehmbares Beſtreben der Steigerung. In der intereſſanten Beſprechung des ihm vorgelegten Fragmentes ſagt er im 1. Bande der naturwiſſenſchaftlichen Schriften:Ich möchte die Stufe damaliger Einſicht einen Komperativ nennen, der ſeine Richtung gegen einen noch nicht erreichten Superlativ zu äußern gedrängt iſt. Man ſieht die Neigung zu einer Art Pantheismus, indem den Welt⸗ erſcheinungen ein unerforſchliches, unbedingtes humoriſtiſches, ſich ſelbſt widerſprechendes Weſen zum Grunde gedacht iſt und mag als Spiel, dem es bitterer Ernſt iſt, gar wohl gelten. Die Erfüllung aber, die ihm fehlt, iſt die Anſchauung der zwei großen Triebräder aller Natur, der Begriffe von Polarität und von Steigerung, jene der Materie, in⸗ ſofern wir ſie materiell, dieſe ihr dagegen, inſofern wir ſie geiſtig denken, angehörig; jene iſt im immerwährenden Anziehen und Abſtoßen, dieſe im immerſtrebenden Aufſteigen. Weil aber die Materie nie ohne Geiſt, der Geiſt nie ohne Materie exiſtiert und wirkſam ſein kann(ein Subjekt ohne Objekt, ein Objekt ohne Subjekt nicht denkbar iſt) ſo vermag auch die Materie ſich zu ſteigern, ſowie ſichs der Geiſt nicht nehmen läßt, anzuziehen und abzuſtoßen; wie derjenige nur allein zu denken vermag, der genugſam getrennt hat, um zu verbinden, genugſam verbunden hat, um wieder trennen zu mögen.

Die einheitliche Natur ſtrebt in zwei Pole auseinander, einerſeits