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Goethes Anschauung der Natur, die Grundlage seiner sittlichen und ästhetischen Anschauungen in Entwicklung und Wandlung / von Oberlehrer Dr. Friedrich Braß
Entstehung
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Nicht noch einmal draußen beſteht unabhängig von jeglichem Sub⸗ jekte eine Welt, die noch genau ſo, wie ſie ſich dem Subjekte zeigt, übrig bliebe, wenn auch das letzte ſie wahrnehmende Subjekt verſchwunden wäre, ſondern darin gerade beſteht die Realität der Welt, daß ſie in denkenden, empfindenden Seelen den Gegenſtand bildet.

Gegen denPhiliſterverſtand wendet ſich Goethe und leugnet, daß noch einmal außer in unſerem Geiſte, genau dieſelbe Welt mit all den Bezügen und Qualitäten, die ſie hier hat, draußen beſtände; gegen Kant wendet ſich der Gedanke, daß wir ſehr wohl in das Innere der Natur zu dringen vermöchten; denn der Kern der Natur, ſagen wir es vorweg, der für Goethe ſtoffliches und ſubſtantielles nicht hat, ſondern nur etwas Dynamiſches, iſt ihm Liebe, die aber nehmen wir mit dem Herzen wahr, und ſo iſt ihm die Menſchennatur ſo groß, weil ſich in ihr das dem Verſtande nicht Faßbare doch darſtellt.

Viel näher aber als Goethe ſteht Kant der gewöhnlichen Lebens⸗ anſchauung. Denn wenn der gewöhnliche geſunde Menſchenverſtand wähnt, dieſe, noch einmal außer ſeiner Vorſtellung beſtehende Welt ſei überdies eine eindeutige, d. h. ſie laſſe ſich wiſſenſchaftlich nur in einer Form betrachten, nämlich in dem durchweg nachzuweiſenden Zuſammenhange von Urſache und Wirkung, ſodaß es einmal dem Menſchen gelingen könne, bei dem höchſten Stande ſeiner Natureinſicht alle die Geſetze aufzudecken, nach welchen und durch welche dieſe eindeutige Welt beſtände, ſo ſteht Kant dieſer Anſchauung in einem Punkte viel näher als Goethe, der ſie leidenſchaftlich bekämpft. Für dieſen iſt dieErſcheinungvom Be⸗ obachter nicht loszutrennen, vielmehr in die Individualität deſſelben ver⸗ ſchlungen und verwickelt. Für ihn giebt es gar keine allein gültige Wahrheit, ſondern wie estauſend und abertauſend Übergänge, ſo giebt es unzählige berechtigte Arten, die Natur zu betrachten. Im Band I der naturwiſſenſchaftlichen Schriften ſagt er einmal pag. 103:In Newyork ſind 90 verſchiedene chriſtliche Konfeſſionen, von welchen jede auf ihre Art Gott und den Herrn bekennt, ohne weiter an einander irre zu werden. In der Naturforſchung, ja in jeder Forſchung müſſen wir es ſoweit bringen, denn was will das heißen, daß jeder Mann von Liberalismus ſpricht und den anderen hindern will, nach ſeiner Weiſe zu denken und ſich auszuſprechen.

Für Goethe iſt ſchon die ſichtbare Welt keine eindeutige, ſondern ſie hat, wie ſich zeigen wird, unendlich viele Interpretationen, von denen alle diejenigen ihm als wahr gelten, die ſich für den Menſchen als frucht⸗ bar erwieſen haben.Und war es endlich dir gelungen und biſt du vom Gefühl durchdrungen, was fruchtbar iſt, allein iſt wahr, du prüfſt das allgemeine Walten, es wird nach ſeiner Weiſe ſchalten, geſelle dich

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