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Goethes Anschauung der Natur, die Grundlage seiner sittlichen und ästhetischen Anschauungen in Entwicklung und Wandlung / von Oberlehrer Dr. Friedrich Braß
Entstehung
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Sachen. Hier wird alſo der Gedanke, daß unſere Ideen durch die Er⸗ fahrung von außen hereinkämen, als ein Irrtum abgewieſen. Offenbar liegt alſo die Thatſache vor, daß Goethe wichtige Sätze von Schiller, die er anfangs leidenſchaftlich bekämpfte, in ſeine Anſchauungen herüber genommen hat. Ein großer Irrtum aber würde es ſein, glauben zu wollen, daß nicht noch beträchtliche Gegenſätze zwiſchen der Kantiſch⸗ Schillerſchen und der Goetheſchen Anſchauung andererſeits beſtänden. In einem Punkte gehen die Anſchauungen ſcharf auseinander. In dem Verhältniſſe des Subjektes zu dem Objekt und im Grunde genommen dreht ſich der Streit um das Kantiſche Ding an ſich.

Kant nämlich hatte dem engliſchen Senſualismus nihil est in in- tellectu quod non antea erat in sensu ſoweit eine Konzeſſion gemacht, daß er zugab, irgend einen Inhalt könne unſer geiſtiges Daſein nicht empfangen, ohne daß eine von außen kommende Erfahrung ihn erbrächte. Die Beſchaffenheit dieſes geiſtigen Inhalts aber, behauptete Kant, datiere nicht allein von außen, ſondern, wenn ſich unſere Erfahrung nach Raum und Zeit ordne, ſo hätten Raum und Zeit mit den Objekten nichts zu thun, ſondern ſeien dem menſchlichen Geiſte angeborene Formen ſeiner Erkenntnis, in welche aller Erfahrungsinhalt ſich hineinpaſſen müſſe. Uns kommt es auf einen Punkt hier nur an. Für Kant bleibt wie für Locke ein vom Subjekt völlig unabhängiger objektiver Beſtand übrig, den erdas Ding an ſich benennt. Gerade dieſen Punkt bekämpfen die Goetheſchen Anſchauungen und haben eine offenbare Ähnlichkeit mit Schopenhauers Anſchauungen, wenn man auch geſtehen muß, daß die Goetheſchen Entgegnungen gegen Kant niemals zu der Klarheit gelangt ſind, die Schopenhauer in den erſten fünf Paragraphen in der Welt als Wille und Vorſtellung ſeinen Auseinanderſetzungen mit der früheren Philoſophie zu geben wußte. Von Kants Kritik der reinen Vernunft ſagt Goethe:Sie war ſchon längſt erſchienen, ſie lag aber völlig außer⸗ halb meines Kreiſes, ich wohnte jedoch manchem Geſpräch darüber bei und mit einiger Aufmerkſamkeit konnte ich bemerken, daß die alte Hauptfrage ſich erneuere, wieviel unſer Selbſt und wieviel die Außenwelt zu unſerem geiſtigen Daſein beitrage. Ich hatte beide niemals geſondert. Ähnlich lautet ein anderes Wort:Es iſt etwas unbekanntes, geſetzliches im Object, das dem unbekannten geſetzlichen im Subject entſpricht.

Dieſe Stelle macht das folgende Wort verſtändlich:(W. A. ibid. 119 und ferner ibid. pag. 159).Alles was im Subject iſt, iſt im Object und noch etwas mehr und alles was im Object iſt, iſt im Subject und noch etwas mehr. Ein Beiſpiel möge zunächſt einmal den letzten Satz erläutern. Ein Menſch, der einige Zeit Schach ſpielt, hat von dem Objekte des Schachbrettes mit ſeinen Figuren, mit den ihnen möglichen