— 17—
Zügen nur ſoviel als ſeine Kenntnis zureicht. Alles, was er davon weiß, liegt im Objekt, aber noch etwas mehr, denn ein vorgeſchrittener Schachſpieler überſieht eine größere Menge möglicher Probleme und ihre Löſungen. Das Objekt hat alſo noch mehr in ſich, als was das Sub⸗ jekt A. von ihm beſitzt. Über den beſtunterrichteten Schachſpieler einer Periode aber kommen andere Schachſpieler, wie uns die Geſchichte dieſes Spiels lehrt, in ſpäterer Zeit hinaus. Die Fortſchritte, die das Subjekt durch das Auffinden neuer Löſungen von Problemen vollzieht, gehören aber doch dem Subjekt, mithin iſt noch etwas mehr in ihm als in dem Objekte vorhanden war. Ein Schachſpieler wäre nichts ohne ſein Objekt, das Schachſpiel, und das Schachſpiel wäre nichts ohne das Subjekt, denn mit dem Tode des letzten Schachſpielers und der Kenntnis von ſeinem Gegenſtande hörte dieſer Gegenſtand ſelbſt auf. Mit aller Natur⸗ betrachtung aber iſt es dasſelbe.
In dieſem Sinne iſt das Goetheſche Wort gemeint(W. A. ibid. pag. 59).„Der Menſch kennt nur ſich ſelbſt, inſofern er die Welt kennt, die er nur in ſich und ſich nur in ihr gewahr wird“, und ebendaſelbſt Seite 259:„Mit den Anſichten, wenn ſie aus der Welt verſchwinden, gehen oft die Gegenſtände ſelbſt verloren. Kann man doch im höheren Sinne ſagen, daß die Anſicht der Gegenſtand ſei.“ Als Beiſpiel führt Goethe an: das Rund der Erde. Im Altertum bereits gekannt, ging die Kenntnis im Mittelalter wieder völlig verloren und mußte nach Jahrhunderten erſt wieder entdeckt werden. Nicht ganz ſo klar wie bei Schopenhauer tritt hier der Gedanke hervor, daß Objekte ohne Subjekte gar nichts heißen wollen, ſo wenig wie ein Zahnſchmerz, den niemand hätte. Bei Kant aber und ſeinem Ding an ſich war etwas Geſpenſtiges übrig geblieben, von dem ſich ein Menſchenhirn zwar nicht die geringſte Vorſtellung machen könnte, das weder in Raum noch in Zeit beſtände, daß keinerlei Qualitäten beſäße, die für uns denkbar wären und das doch den innerſten Kern der Natur ausmachen ſollte, in den hineinzudringen freilich dann jedem Menſchen verſagt blieb. Gegen dieſe Anſchauung wendet ſich Goethe ganz entſchieden. Am liebſten in kleinen Gedichten:
Müſſet im Naturbetrachten,
Immer eins wie alles achten,
Nichts iſt drinnen, nichts iſt draußen, Denn was innen, das iſt außen,
So ergreifet ohne Säumnis
Heilig öffentlich Geheimnis.
Iſt die Welt ein Univerſum, ſo iſt's das Innere des Menſchen auch, und jede neue Entdeckung ſchließt ein neues Organ in uns auf, daher Braß, Goethes Anſchauung der Natur. 2


