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dahinſtürmenden Kämpfer treibt, wie ganz anders der Hauptmann und Charlotte. Nach der leidenſchaftlichen Scene am Ende des 12. Kapitels im 1. Teil richtet ſich ihre ſittliche Kraft empor, und wie haben beide das Wort Charlottens gehalten:„Daß dieſer Augenblick in unſerem Leben Epoche mache, können wir nicht verhindern, aber daß ſie unſerer wert ſei, hängt von uns ab.“ Die angeführten Stellen mögen hier ge⸗ nügen, um zu erweiſen, daß auch der ſittliche Standpunkt Goethes durch ſeine geänderte Naturanſchauung ſich modifizierte, wobei wir gerne zu⸗ geſtehen, daß ſeine Ehe, ſein Kind und vor allem die ſittliche Erſcheinung Schillers dieſe ſittlichen Anſchauungen erſt zur Reife brachten.
III.
Gerade Schiller aber ſollte durch ſeine philoſophiſchen Geſpräche mit Goethe dazu beitragen, daß ſich die Anſchauung des letzteren über die Natur in einem weſentlichen Punkte änderte. Dieſe Geſpräche drehen ſich nach Goethes Zeugnis weſentlich um die Begrenzung von Subjekt und Objekt und um die Stellung dieſer beiden Begriffe zueinander. Wir wiſſen gleichfalls aus Goethes eigenen Worten, daß ſo lange ſein großer Freund lebte, er mit eigenſinniger Entſchiedenheit an ſeinem Standpunkte feſthielt. Nach dem Tode Schillers aber, als der große Freund nicht mehr perſönlich die Partei des„Subjekts“ und der ‚Freiheit“ nehmen konnte, nimmt Goethe, faſt als wäre es ein Akt der Pietät gegen den großen Verſtorbenen, Anſchauungen Schillers in die ſeinigen hinüber. Anfangs konnten ihn bei Geſprächen mit Schiller Sätze wie folgender zur Verzweiflung bringen:„Wie kann jemals Erfahrung gegeben werden, die einer Idee angemeſſen ſein ſollte, denn darin beſteht eben das eigen⸗ thümliche der letzteren, daß ihr niemals eine Erfahrung kongruieren könne“, dann ſagte ſich Goethe dagegen,„wenn er das für eine Idee hielt, was ich als Erfahrung ausſprach, ſo mußte doch zwiſchen beiden irgend etwas Vermittelndes, Bezügliches obwalten.“(W. A. II. Abt. 11. Band. S. 18.) Goethe glaubt alſo anfangs, daß eine von außen ſtammende Erfahrung in irgend einer Weiſe zur Bildung einer Idee führen müſſe. Dieſe Anſchauung aber ändert er völlig nach Schillers Tode. In der Beſprechung von d'Alemberts Einleitung zur großen franzöſiſchen Encyklopädie ſchreibt er 1816: Ich las d'Alemberts wichtiges Vorwort zu der großen Encyklopädie ſeit vielen Jahren wieder und finde, daß, wenn man ihm ein paar Irrtümer, die er im Sinne ſeiner Zeit an die Spitze ſetzt,„die Ideen nämlich werden von außen empfangen und die Künſte müſſen als Nachahmung der Natur be⸗ trachtet werden, wenn man ihm das verzeiht, ſagt er die köſtlichſten


