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Periode beſteht in einer Organiſation der uns verliehenen ſittlichen Kräfte, nicht aber in einer Steigerung derſelben. Noch in dem 1788 vollendeten„Torquato Taſſo“ iſt dieſes ſittliche Ziel beibehalten. So ſagt Akt 5 Scene 4 die Prinzeſſin:„Gar wenig iſt's, was wir von dir verlangen und dennoch ſcheint es allzuviel zu ſein, du ſollſt dich ſelbſt uns freundlich überlaſſen, wir wollen nichts von dir, was du nicht biſt. Wenn du nur erſt dir mit dir ſelbſt gefällſt.“ Die Tragik Taſſos baut Goethe ja gerade darauf auf, daß Taſſo, ſtatt ſich bei den ihm von der Natur verliehenen Gaben zu beruhigen, ſehnſüchtig nach einem ihm ver⸗ ſagten Heldentum ausſchaut. Auch in der Iphigenie bleibt Treue gegen ſich ſelbſt das höchſte ſittliche Ziel.
Wie anders zeigen ſich die Charaktere aller nach 1794 erſcheinenden Dichtungen.(Die römiſchen Elegien natürlich ausgenommen.) Vor allem in„Hermann und Dorothea“ und dem jetzt gänzlich umgearbeiteten „Wilhelm Meiſter“. Im 2. Kapitel des 8. Buches der Lehrjahre legt Wilhelm Natalien einmal die Frage vor:„Laſſen Sie denn auch jede Natur ſich ſelbſt ausbilden, laſſen Sie denn auch die Ihrigen ſuchen und irren, Mißgriffe thun, ſich glücklich am Ziele finden oder unglücklich in der Irre verlieren?“„Nein“, antwortet Natalie,„dieſe Art, mit Menſchen zu handeln, würde ganz gegen meine Geſinnungen ſein. Wer nicht im Augenblicke hilft, ſcheint mir nie zu helfen. Wer nicht im Augenblicke Rat giebt, nie zu raten. Ebenſo nötig ſcheint es mir, gewiſſe Geſetze auszuſprechen und den Kindern einzuſchärfen, die dem Leben einen ge⸗ wiſſen Halt geben. Ja, ich möchte beinah behaupten, es ſei beſſer nach Regeln zu irren, als daß uns die Willkür unſerer Natur hin und her treibt, und wie ich die Menſchen ſehe, ſcheint mir in ihrer Natur immer eine Lücke zu bleiben, die nur durch ein entſchieden ausgeſprochenes Geſetz ausgefüllt werden kann.“ Sowohl in dem Briefwechſel mit Schiller als an einer anderen Stelle des Wilhelm Meiſter findet ſich das Wort:„Unſere Grundſätze müſſen Supplemente unſerer Natur werden.“ Alle Charaktere der Goetheſchen Dichtung werden von nun an wachſende und fortſchreitende. Der Kaiſer im zweiten Teil des„Fauſt“, die wie Maria Stuart ſich beim Verluſte der irdiſchen Güter aufrichtende natürliche Tochter, Hermann am Schluſſe der Dichtung dem Begeiſterung die Wange rötet, ſind ſittliche Kampfesnaturen ge⸗ worden. Welche Größe erreicht das elſäſſiſche Landmädchen„Dorothea“, wenn es am Schluſſe der Dichtung ſich zu dem Grundſatze bekennen darf:„Heilig ſei dir der Tag, doch achte das Leben nicht höher, als ein anderes Gut und alle Güter ſind trüglich“. Erfährt in den„Wahl⸗ verwandtſchaften“ ſchon Eduards Weſen eine lebhafte ſittliche Steigerung, die ihn von dem Niveau des behaglichen Landbarons aufwärts zu einem


