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Goethes Anschauung der Natur, die Grundlage seiner sittlichen und ästhetischen Anschauungen in Entwicklung und Wandlung / von Oberlehrer Dr. Friedrich Braß
Entstehung
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andere Seite der Natur zu erblicken, denn alles, was die menſchliche Natur in ſich birgt, gehört, da ſie ja eben ganz und überall Natur iſt, auch der Natur im großen an. Und ſo ward ihm der gewaltſam Fort⸗ ſchreitende, der das Gemeine in weſenloſem Scheine liegen ließ, eine der bedeutſamſten Erſcheinungen der Natur ſelbſt. Gerade durch den ent⸗ gegengeſetzten Standpunkt, den Schiller einnahm, indem er das ganze Gebiet der ſittlichen Selbſtbeſtimmung aus dem Reiche der Natur heraus⸗ nahm und ſeine ,Freiheit in den ſchroffen zuſammenhangloſen Gegenſatz zumReiche der Notwendigkeit, der Natur, brachte, ſtärkte ſich die An⸗ ſchauung Goethes.Unſere Geſpräche waren durchaus produktiv oder theoretiſch, gewöhnlich beides zugleich, er predigte das Evangelium der Freiheit, ich wollte die Rechte der Natur nicht verkürzt wiſſen. Goethe weiß, wo der Punkt liegt, von wo aus ihre Meinungen über dieſen Gegenſtand diametral auseinandergehen.Die Kantiſche Philoſophie, welche das Subjekt ſo hoch erhebt, indem ſie es einzuengen ſcheint, hatte er mit Freuden in ſich aufgenommen, ſie entwickelte das Außerordentliche, was die Natur in ſein Weſen gelegt, und er im höchſten Gefühl der Freiheit und Selbſtbeſtimmung war undankbar gegen die große Mutter, die ihn gewiß nicht ſtiefmütterlich behandelte. Anſtatt ſie ſelbſtändig, lebendig vom Tiefſten bis zum Höchſten, geſetzlich hervorbringend zu betrachten, nahm er ſie von der Seite einiger empiriſcher menſchlicher Natürlichkeiten. Aus dieſer Stelle ſchon geht genügend hervor, daß Goethe in der Erſcheinung Schillers eine ihm bis dahin in ſolcher Macht noch nie entgegengetretene Naturerſcheinung erblickte. Alles aber, was Goethe in der Natur gewahrte, wurde für ihn wichtig als Künſtler, und ſo tritt denn Goethes geänderte Anſchauung über das Sittliche zuerſt in ſeinen Dichtungen hervor.

Ein charakteriſtiſches Merkmal aller Goetheſchen Dichtungen vor dem Jahre 1794 liegt darin, daß alle ihre Charaktere auf dem einmal durch Natur und Umſtände gegebenen ſittlichen Standpunkt beharren. In der wichtigſten derſelben, in Werthers Leiden liegt die Tragik darin, daß der Held ſich auf der Höhe ſeiner Nazur nicht zu behaupten vermag und noch im Egmont iſt das behagliche Sichgehenlaſſen auf ſittlichem Gebiete gerade dasjenige, was Schiller an dieſer Dichtung ſo ſehr miß⸗ fällt(vgl. die Rezenſion Schillers über Egmont). Hierbei aber handelte es ſich gar nicht, wie man es Goethe ſo oft zum Vorwurf gemacht hat, um eine ſittliche Indolenz, ſondern es handelt ſich um einen hartnäckig beibehaltenen prinzipiellen Standpunkt. Früh ſchon in Straßburg war Goethe das Wort Pindars aufgefallen:Werde, was du biſt. Das ſchien ihm am treffendſten den Rouſſeauſchen Erziehungsgedanken zum Ausdruck zu bringen, um es kurz zu ſagen, das ſittliche Ziel der älteren