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Goethes Anschauung der Natur, die Grundlage seiner sittlichen und ästhetischen Anschauungen in Entwicklung und Wandlung / von Oberlehrer Dr. Friedrich Braß
Entstehung
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Hermann Hettner hat in ſeiner Litteraturgeſchichte hinreichend die Bedeutung des Typiſchen klargeſtellt und die Fruchtbarkeit dieſes Be⸗ griffes für das gemeinſame künſtleriſche Schaffen Schillers und Goethes nachgewieſen. Daß die Entwicklung dieſes Begriffes aber eine bloße Konſequenz der geänderten Goetheſchen Naturanſchauung ſei, hat er verkannt.

Auch in das ſittliche Gebiet hinein wirkt dieſe neu gewonnene Naturanſchauung, nur daß ſie dort nicht ſo unmittelbar in der aller⸗ nächſten Zeit ſchon nachweisbar iſt. Es iſt begreiflich, daß bei einem Manne, deſſen Lebensführung ſchon ſeit ſo langer Zeit einen ſo ge⸗ waltigen Ernſt gezeigt hatte, zunächſt von praktiſcher Seite her ein Bedürfnis nicht vorlag, zu einer Reviſion ſeiner ſittlichen Anſchauungen zu ſchreiten, und doch knüpft auch die ſittliche Wandlung Goethes an ſeine geänderte Naturanſchauung an. In dem von uns ſchon zitierten GedichteDie Metamorphoſe der Pflanzen bringt ſie Goethe ausdrücklich in eine innere Beziehung zu der gewonnenen Naturanſchauung. Die Verſe:Wende du nun, o Geliebte, den Blick zum bunten Gewimmel, das ſich verwirrend nicht mehr vor dem Geiſte bewegt. Jede Pflanze verkündet dir nun die ewgen Geſetze, jede Blume, ſie ſpricht lauter und lauter mit dir, aber entzifferſt du hier der Göttin heilige Lettern, überall ſiehſt du ſie dann auch in verändertem Zug: Kriechend zaudre die Raupe, der Schmetterling eile geſchäftig, bildſam ändre der Menſch ſelbſt die beſtimmte Geſtalt! Was unleugbar als Kon⸗ ſequenz in der gewonnenen Naturanſchauung begründet lag, wurde aber durch drei mächtige Faktoren des praktiſchen Lebens zur Erſcheinung ge⸗ bracht. Goethe nahm Chriſtiane Vulpius zu ſich und bemühte ſich un⸗ abläſſig,(iſt doch das gerade zitierte Gedicht ein rührender Beweis davon) die Geliebte ſittlich zu ſich emporzuziehen, ſie zu einer Fortſchreitenden zu machen.Freu dich auch des heutigen Tages! Die heilige Liebe ſtrebt zu der höchſten Frucht gleicher Geſinnungen auf, gleicher Anſicht der Dinge, damit in harmoniſchem Anſchaun ſich verbinde das Paar, finde die höhere Welt.

Ganz anders aber trat die Forderung, ſeine bisherigen ſittlichen Anſchauungen zu prüfen, an Goethe heran, als ihm ein Kind geſchenkt wurde, bei dem Karl Auguſt Pathe ſtand. Die Erziehungskapitel des Wilhelm Meiſter im 1. und 2. Teil legen beredtes Zeugnis von der geänderten Geſinnung ab. Ehe wir zu ihrer Beſprechung gehen, wenden wir uns zu dem dritten und mächtigſten Faktor. Es war die Bekanntſchaft mit Schiller. In Schiller lernte Goethe zweifellos eine der größten ſittlichen Erſcheinungen kennen, die je gelebt haben. Es entſpricht aber ſeiner ganzen Lebensanſchauung, in dieſem ſittlichen Phänomen nur eine