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charakteriſtiſchen Merkmalen ausgeſtattete Einzelerſcheinung: eine ver⸗ krüppelte wie eine übertrieben in das Kraut geſchoſſene Pflanze erſcheint uns nur dann als wahr, wenn wir die Bedingungen mitüberſehen und gewahren, auf denen ihre Beſonderheit beruht. Nun greift aber der Künſtler ſeinen Gegenſtand ſelten zugleich mit ſolchen wirkenden Urſachen, er iſoliert ihn vielmehr. Die Kunſt muß daher unwahr werden, wenn ſie bei Darſtellung ihrer iſolierten Gegenſtände nicht einen Ausdruck für das Weſentliche ſucht, das aber iſt in der Kunſt der Typus. In keinem Schriftchen hat Goethe in ſo zuſammengedrängter Form einen ganzen Band theoretiſcher Äſthetik erſetzt als in der kurzen Abhandlung„Ein⸗ fache Nachahmung der Natur, Manier, Stil.“ Hier ſagt er vom Stil: „Gelangt die Kunſt durch Nachahmung der Natur, durch Bemühung, ſich eine allgemeine Sprache zu machen, durch genaues und tiefes Studium der Gegenſtände ſelbſt endlich dahin, daß ſie die Eigenſchaften der Dinge und die Art, wie ſie beſtehen, genau und immer genauer kennen lernt, daß ſie die Reihe der Geſtalten überſieht und die ver⸗ ſchiedenen charakteriſtiſchen Formen nachzuahmen und neben einander⸗ zuſtellen weiß, dann wird der höchſte Grad, wohin ſie gelangen kann, erreicht, der Grad, wo ſie ſich den höchſten menſchlichen Bemühungen gleichſtellen darf.“„Wie die einfache Nachahmung auf dem ruhigen Daſein und einer liebevollen Gegenwart beruht, die Manier eine Er⸗ ſcheinung mit einem leichten, fähigen Gemüt ergreift, ſo ruht der Stil auf den tiefſten Grundfeſten der Erkenntnis, auf dem Weſen der Dinge, inſofern uns erlaubt iſt, es in ſichtbaren und greiflichen Ge⸗ ſtalten zu erkennen.“
Hing in der erſten Periode der Goetheſchen Entwicklung ſeine Vor⸗ liebe für das derb realiſtiſche, für Shakeſpeare und die Niederländer, auf das engſte mit ſeiner ganzen Naturbetrachtung zuſammen, ſo entſpricht in der Periode nach der italieniſchen Reiſe die ausſchließliche Anerkennung der antiken Kunſt wiederum ſeinen nun geänderten Naturanſchauungen, denn die Antike dringt ja überall auf Darſtellung des Typiſchen. Unter dem 6. September 1787 ſchreibt er aus Rom:„Soviel iſt gewiß, die alten Künſtler haben ebenſo große Kenntnis der Natur und einen ebenſo ſicheren Begriff von dem, was ſich vorſtellen läßt und wie es vorgeſtellt werden muß, gehabt als Homer. Leider iſt die Anzahl der Kunſtwerke der erſten Klaſſe gar zu klein, wenn man aber auch dieſe ſieht, ſo hat man nichts zu wünſchen, als ſie recht zu erkennen und dann in Friede hinzufahren. Dieſe hohen Kunſtwerke ſind zugleich als die höchſten Naturwerke von Menſchen nach wahren und natürlichen Geſetzen hervorgebracht worden. Alles Willkürliche, Eingebildete fällt zuſammen. Da iſt die Notwendigkeit, da iſt Gott.“


