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Gewiß hat auch jetzt noch die Natur Problematiſches genug, gewiß bleibt ſie auch jetzt noch in ihrer Unbegreiflichkeit„unheimlich“, ſo daß er in dem denkwürdigen erſten Geſpräche mit Schiller ſagen kann:„Daß ſie dem Eingeweihten ſelbſt vielleicht unheimlich bleibe und daß es doch wohl noch eine andere Weiſe geben könne, die Natur nicht geſondert und vereinzelt vorzunehmen, ſondern ſie wirkend und lebendig aus dem Ganzen in die Teile ſtrebend darzuſtellen.“ Die Metamorphoſe der Pflanzen, von der Goethe ſelbſt ſagt, ſie laſſe ſich auf alles Organiſche anwenden, geht von dem Gedanken aus: die Natur verfahre hier derartig analytiſch, daß ſie den Gehalt einer typiſchen Urform in alle möglichen Einzelformen auflöſe. Für die Pflanze iſt dieſe Urform das Blatt, das ſeine höchſte Entwicklung in der Blüte findet; für die Wirbeltiere iſt es das einzelne Glied der Wirbelſäule, deſſen höchſte Entwicklung der Kopf des Menſchen iſt. Eingehüllt in die urſprüngliche Urform liegen alle weiteren Bildungen, und ihre Ausgeſtaltung iſt das„analytiſche Verfahren“ der Natur.„Ein⸗ fach ſchlief in dem Samen die Kraft, ein beginnendes Vorbild lag ver⸗ ſchloſſen in ſich unter die Hülle gebeugt.“ Ein andermal ſagt Goethe: „Bei Darſtellung des Verſuches der Pflanzenmetamorphoſe mußte ſich eine naturgemäße Methode entwickeln; denn als die Vegetation mir Schritt für Schritt ihr Verfahren vorbildete, konnte ich nicht irren, ſondern mußte, indem ich ſie gewähren ließ, die Wege und Mittel an⸗ erkennen, wie ſie den eingehüllteſten Zuſtand zur Vollendung nach und nach zu befördern weiß.“ W. A. II. Bd. 11. pag. 48. Und fernerhin ibid. pag. 50.„Indeſſen fuhr ich fort, der Bildung und Umbildung organiſcher Naturen ernſtlich nachzuforſchen, wobei mir die Methode, womit ich die Pflanzen behandelt, zuverläſſig als Wegweiſer diente. Mir entging nicht, die Natur beobachte ſtets analytiſches Verfahren. Eine Entwicklung aus einem lebendigen geheimnisvollen Ganzen, und dann ſchien ſie wieder ſynthetiſch zu handeln, indem ja völlig fremd ſcheinende Verhältniſſe einander angenähert und ſie zuſammen in eins verknüpft wurden.“
Noch einmal wollen wir darauf hinweiſen, daß auch hier die Natur nicht mit der Summe ihrer Einzelerſcheinungen zu verwechſeln iſt, ſondern daß damit dasjenige bezeichnet wird, was die Erſcheinungen treibt und hervorbringt. Die Natur iſt das Wirkende, das Entwickelnde.„Natur⸗ gemäß“, d. h. dieſem Verhalten der Natur entſprechend, aus dem All⸗ gemeinen das Beſondere herzuleiten, iſt die menſchliche Begabung, jede Einzelerſcheinung von etwas Allgemeinem abzuleiten, die Bildung von Begriffen, in welchen der Menſch das Weſentliche der Erſcheinungen erfaßt.
In auffallend ſtrenger Konſequenz ändern ſich jetzt dieſer Natur⸗ anſchauung entſprechend Goethes äſthetiſche Anſchauungen. Jede mit


