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indem wir alles dasjenige in Geſammtheit vorausahnen, was in der Folge ſich mehr und mehr entwickeln, wozu das Entwickelte weiter führen ſoll. Dieſes bedenkend, wird man mir zugeſtehen, daß ich von einem ſolchen Gewahrwerden wie von einer Leidenſchaft eingenommen und getrieben worden, und wo nicht ausſchließlich, doch durch alles übrige Leben hin⸗ durch mich damit beſchäftigen müſſen“. Sonderbar, daß gerade dieſe Entdeckung auch die Veranlaſſung werden mußte, daß Goethe und Schiller einander nahe traten. Am kürzeſten zuſammengefaßt hat ihre Bedeutung Goethe in dem köſtlichen Gedichte an Chriſtiane Vulpius: Die Meta⸗ morphoſe der Pflanzen.„Dich verwirret Geliebte die tauſendfältige Miſchung dieſes Blumengewühls über den Garten umher. Viele Namen höreſt du an, und immer verdränget mit barbariſchem Klang einer den andern im Ohr. Alle Geſtalten ſind ähnlich und keine gleichet der andern, und ſo deutet das Chor auf ein geheimes Geſetz, auf ein heiliges Rätſel. O könnt ich dir, liebliche Freundin, überliefern ſogleich glücklich das löſende Wort. Werdend betrachte ſie nun.“ Verwirrend hatte bisher die unendliche Mannigfaltigkeit der Erſcheinungen, mit der die Natur wie ein ſpielendes Kind ſich ſelbſt zu beluſtigen ſchien, auf Werther⸗ Goethe und Fauſt⸗Goethe gewirkt, und der mephiſtopheliſche Gedanke: „Alles was entſteht, iſt wert, daß es zu Grunde geht,“ war eigentlich der konſequenteſte Ausdruck dieſer Naturbetrachtung. Was das Newton⸗ ſche Geſetz für den Kosmos, das wurde der Goetheſche Gedanke für die organiſche Welt. Ihre Hervorbringungen reihen ſich zu einer geſetz⸗ mäßigen Kette, und der Gedanke des alternden Goethe bereitet ſich lang⸗ ſam vor, wie er den kleinen„Bedenken und Ergebung“ überſchriebenen Aufſatz einleitet.„Wir können bei Betrachtung des Weltgebäudes in ſeiner weiteſten Ausdehnung, in ſeiner letzten Teilbarkeit uns der Vor⸗ ſtellung nicht erwehren, daß dem Ganzen eine Idee zu Grunde liege, wonach Gott in der Natur, die Natur in Gott, von Ewigkeit zu Ewig⸗ keit ſchaffen und wirken mögen,“ und er ſchließt dieſen Aufſatz mit einer Umwandlung der Worte des Mepbhiſtopheles aus der Schülerſcene:
„So ſchauet mit beſcheidnem Blick,
Der ewigen Weberin Meiſterſtück,
Wie ein Tritt tauſend Fäden regt,
Die Schifflein hinüber, herüberſchießen,
Die Fäden ſich begegnend fließen,
Ein Schlag tauſend Verbindungen ſchlägt.
Das hat ſie nicht zuſammengebettelt,
Sie hats von Ewigkeit angezettelt,
Damit der ewige Meiſtermann
Getroſt den Einſchlag werfen kann.“


