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Goethes Anschauung der Natur, die Grundlage seiner sittlichen und ästhetischen Anschauungen in Entwicklung und Wandlung / von Oberlehrer Dr. Friedrich Braß
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war lange bildſam, ehe ſie ſchön war! Wir können hier nur längſt be⸗ kannte Dinge wiederholen, die Sturm⸗ und Drangperiode mit ihren künſtleriſchen Anſchauungen iſt ja genugſam klargelegt. Nach der ſitt⸗ lichen Seite kennzeichnet ſich dieſe Periode als ſchrankenloſer Individua⸗ lismus. Da jeder Einzelmenſch ein nach ſeinen Entwicklungsmöglich⸗ keiten feſt gegebenes und umſchriebenes Ganzes iſt, ſo giebt es kein höheres Ziel, als zu der eigenſten Form zu gelangen, die die Natur in uns angelegt hat, die wir durch alles Konventionelle nur verderben und durch den Mut zu einem zwangloſen Sichgehenlaſſen einzig erreichen. Jeder Altruismus liegt den ſittlichen Maximen dieſer Periode gänzlich fern(vergl. meinen Aufſatz über den Individualismus Goethes in Nr. 56 und 57 der von Chriſtoph Schrempf herausgegebenenWahrheit). Dieſe Naturanſchauung erhielt keine weſentliche Modifikation durch das eingehende Studium Spinozas, das Goethe mit Herder gemeinſchaft⸗ lich in der Periode ihrer intimſten Berührung, in den Jahren 1784 bis 1786 betreibt. Einen weſentlichen Fortſchritt ſeiner Naturanſchauung ſowie ſeiner Auffaſſung von der Kunſt bringt erſt die italieniſche Reiſe.

II.

Es iſt ein gewöhnlicher Irrtum, daß die Hauptreſultate derſelben in dem Gewinne und der Bereicherung ſeiner künſtleriſchen An⸗ ſchauungen lägen. Die Entdeckung des Geſetzes der Metamorphoſe der Pflanzen iſt aber ganz ohne Frage ſchon deshalb das wichtigſte Reſultat des Goetheſchen Aufenthaltes, weil nach ſeinem eigenen Zeugniſſe von dieſer geänderten Auffaſſung der Natur ſeine künſtleriſchen Forderungen abhängen. Sein Aufenthalt in Neapel und Sicilien wurde ihm durch dieſe neue Anſchauungbegeiſtet. Setzte nach der früheren Anſchauung die Natur ihre Gebilde mit wunderlicher Gleichgiltigkeit und Willkür in das Leben, ſo trat ihm hier zum erſten Mal in einer unüberſehbaren Reihe von Konſequenzen der Begriff der Entwicklung entgegen. Neumayrs Erdgeſchichte zeigt in ihrer Einleitung, wie grade der Begriff der Entwicklung in dem altteſtamentlichen Schöpfungsberichte eine ſo ſchwer überſteigbare Barriere gefunden hatte und wie wenig er dem Denken des vorigen Jahrhunderts gemäß war. Wir können daher die Unruhe begreifen, in welche Goethe durch ſeine Entdeckung verſetzt wurde. Wer an ſich erfahren hat, ſchreibt er unter dem 17. Mai 1787 in der italieniſchen Reiſe,was ein reichhaltiger Gedanke heißen will, er ſei nun aus uns ſelbſt entſprungen, oder von anderen mitgeteilt und ein⸗ geimpft, wird geſtehen, was dadurch für eine leidenſchaftliche Bewegung in unſerem Geiſte hervorgebracht werde, wie wir uns begeiſtert fühlen,