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Goethes Anschauung der Natur, die Grundlage seiner sittlichen und ästhetischen Anschauungen in Entwicklung und Wandlung / von Oberlehrer Dr. Friedrich Braß
Entstehung
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Lebensfluten, in Thatenſturm wall ich auf und ab, webe hin und her, Geburt und Grab, ein ewiges Meer ſagt daſſelbe. Gerade ſo drückt Werther in dem Briefe vom 18. Auguſt ſeine Idee von der Natur aus: Vom unzugänglichen Gebirge über die Einöde, die kein Fuß betrat, bis ans Ende des unbekannten Oceans weht der Geiſt des ewig Schaffenden und freut ſich jedes Staubs, der ihn vernimmt und lebt. Ihm ‚eröffnet ſich all das innere glühende heilige Leben der Natur und die herrlichen Geſtalten der unendlichen Welt bewegten ſich alllebend in meiner Seele. Aber dann fährt er weiter fort:Es hat ſich vor meiner Seele wie ein Vorhang weggezogen, und der Schauplatz des unendlichen Lebens ver⸗ wandelt ſich vor mir in den Abgrund des ewig offenen Grabs. Kannſt du ſagen, das iſt, da alles vorübergeht? und weiter:mir untergräbt das Herz die verzehrende Kraft, die im All der Natur verborgen liegt, die nichts gebildet hat, das nicht ſeinen Nachbar, nicht ſich ſelbſt zerſtörte. Und ſo taumle ich beängſtigt! Himmel und Erde und all die webenden Kräfte um mich her! Ich ſehe nichts, als ein ewig verſchlingen⸗ des, ewig wiederkäuendes Ungeheuer!

Die Fauſtſtellen, Werthers Leiden und das Fragmentdie Natur ſtimmen darin überein: 1) Die Natur ſteht geheimnisvoll und unerforſch⸗ lich hinter den Dingen, die wir die Außenwelt nennen, nur ihre Kinder gewahren wir, nicht die Mutter, oder wie es im zweiten Teil des Fauſt heißtdie Mütter. 2) Ihr Sinn iſt Geburt und Grab in gleicher Weiſe, Leben und Sterben, der Tod iſt ihrKunſtmittel, neues Leben zu ſchaffen, ſie ſchafft nur eng Begrenztes, Individuelles, ſie freut ſich an den Individuen, aber ſie hat kein Intereſſe daran, ſie zu erhalten. In ihrer völligen Unerforſchlichkeit iſt ſie dem Menſchen eben deswegen unheimlich, weil dieſes Spiel mit individuellem Leben ein völlig zweck⸗ loſes zu ſein ſcheint. Aus dieſen Anſchauungen ergeben ſich zwei Kon⸗ ſequenzen: 1. Die Art, die Natur künſtleriſch nachzugeſtalten und 2. die ſittlichen Ziele, welche eine ſolche Naturbetrachtung zuläßt.

Was zunächſt das künſtleriſche Schaffen anlangt, ſo iſt Goethe in dieſer Periode der Meinung, daß die charakteriſtiſche Wiedergabe des Wirklichen in derſelben Derbheit, wie das Leben ſie bildet, mit Verſchmähung der künſtleriſchen Form, die Aufgabe der Kunſt ſei, daher auch ſeine Vorliebe für die Niederländer in dieſer Periode, ſowie die Anlehnung an Shakeſpeare in ſeinen Dichtungen. Goetz, die Faſt⸗ nachtſpiele, der Jahrmarkt von Plundersweilern ſo gut wie die derben ſpäter umgewandelten Scenen des Urfauſt, kurz, alle ſeine Jugend⸗ dichtungen legen Zeugnis von dieſer Auffaſſung ab. Nur in einem Überſchuſſe des Thätigkeitstriebes, nicht in einem angeborenen, entwickelten Sinne für die Form ſieht er das Weſentliche des Künſtlers:Die Kunſt