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Goethes Anschauung der Natur, die Grundlage seiner sittlichen und ästhetischen Anschauungen in Entwicklung und Wandlung / von Oberlehrer Dr. Friedrich Braß
Entstehung
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gewohnt ſind. Das geſammte deutſche Denken des vorigen Jahrhunderts aber weiſt keinen namhaften Anhänger des franzöſiſchen Materialismus auf. Nicht der elegante franzöſirende Gotter, noch auch Wieland be⸗ kennen ſich zu dieſer Auffaſſung, wenn auch der letztere mit einem ſteigen⸗ den ſympathiſchen Intereſſe das Werk eines der älteſten Materialiſten, des römiſchen Lukrez nicht mehr aus den Augen verliert.

Die unendliche Wirkung dagegen, die Rouſſeau erzeugte, iſt hin⸗ länglich von der Litteraturgeſchichte gewürdigt worden, aber weder Julian Schmidt noch Hermann Hettner betonen einen Punkt genügend, daß nämlich für Rouſſeau, von Shaftesbury gilt dasſelbe,die Natur, dieMutter Natur nichts Stoffliches habe, ſondern ein großes geiſtiges Lebeweſen ſei.

Wenn die Jugendgedanken Goethes mit dieſen Rouſſeauſchen Ge⸗ danken übereinſtimmen, ſo ſind ſie doch nicht unmittelbar auf Rouſſeau zurückzuführen. Lange, ehe er Rouſſeau kannte, ſpottete er in einem Briefe an Friederike Oeſer aus dem Jahre 1768 über Hirſchfeldden Anatomiker der Natur. Schon ganz in dem Sinne des Spottes von Mephiſtopheles in dem vor 1775 geſchriebenen Urfauſt:wer will was Lebendiges beſchreiben, ſucht erſt den Geiſt heraußer zu treiben, dann hat er die Teile in ſeiner Hand, fehlt leider nur das geiſtige Band. Encheiresin naturae nennt's die Chemie, bohrt ſich ſelbſt einen Eſel und weiß nicht wie. Die Naturanſchauung, wie ſie im Werther, im Urfauſt, im Prometheus zu Tage tritt, iſt eben dieſelbe wie in dem FragmenteDie Natur, mag es nun von Goethe ſelbſt herrühren oder nicht, in welchem ſich nach Goethes eigenem Zeugnis ſeine Naturanſchauung bis zur Mitte der achtziger Jahre wiederſpiegelt. Es leitet in dem 11. Bande der 2. Abteilung der großen Weimarer Ausgabe die natur⸗ wiſſenſchaftlichen Schriften Goethes ein und ſtimmt völlig in der Auf⸗ faſſung mit den genannten Werken aus Goethes erſter Periode überein: Die Natur iſt der geheimnisvolle, den Sinnen ewig unzugängliche, metaphyſiſche Untergrund der Dinge, nicht aber iſt ſie ein Sammelbegriff für die Dinge ſelbſt. Wenn Fauſt ſchon im Urfauſt klagt:Welch Schauſpiel, aber ach ein Schauſpiel nur, wo faß ich dich, unendliche Natur, Euch Brüſte, wo, ihr Quellen alles Lebens, an denen Himmel und Erde hängt ꝛc., ſo begegnet uns die verwandte Stelle im Frag⸗ ment:Sie, die Natur,ſpielt ein Schauſpiel, ob ſie es ſelbſt ſieht, wiſſen wir nicht, und doch ſpielt ſie es für uns, die wir in der Ecke ſtehen. Sie lebt in lauter Kindern und die Mutter, wo iſt ſie? Es iſt ein ewiges Leben, Werden und Bewegen in ihr und doch rückt ſie nicht weiter. Sie ſcheint alles auf Individualität angelegt zu haben und macht ſich nichts aus den Individuen, ſie baut immer und zerſtört immer, und ihre Werkſtätte iſt unzugänglich. Das Lied des Erdgeiſtes:In