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der Dinge entſprechen, die ſie abzubilden ſcheinen. Ein Hineinwirken der äußeren Welt in unſere Seele wird alſo abgewieſen und die Reihe der Dinge ſowie ihre geſetzmäßige Beziehung entſpricht nur deshalb der Reihenfolge und der geſetzmäßigen Verkettung von Vorſtellungen und Begriffen in uns, weil die völlig von unſerem Denken unabhängige Reihe der Körperdinge ſowie die völlig von der äußeren Welt unabhängige Reihe unſerer Vorſtellungen in zwei von einander verſchiedenen Formen dieſelben Vorgänge innerhalb der Subſtanz wiederſpiegeln. Leibniz in ſeinen nouveaux essais ſchließt ſich mit ſeinem berühmten Satze les monades n'ont pas des fenêtres d. h. eine Seele hat keine Fenſter, durch welche die Außenwelt in ſie hineinſchlüpfen könnte, dem Grundgedanken Spinozas wohl an, zeigt aber den Anſatz zu einer Weiterbildung dieſer Gedankenreihen, ſo daß in unſerer Zeit Hermann Lotze mannigfach An⸗ knüpfungspunkte bei Leibniz findet. Leibniz nämlich erklärt die Vor⸗ ſtellungen in uns als wechſelnde Zuſtände der ſich ihrer bewußten Monade, deren Ablaufsreihe einzig und allein durch die von Gott vorher beſtimmte Natur der Monade bedingt ſei.
Dem gegenüber hatte Locke in ſeinem essay concerning human understanding beſtimmt behauptet, die Dinge der äußeren Welt wirken auf unſere Sinne, und unſere Sinne ſind die Vermittler davon, daß unſere Seele überhaupt irgend welchen Inhalt in der Form von Vor⸗ ſtellungen, Begriffen und Ideen birgt.
Begierig nahmen die franzöſiſchen Encyklopädiſten dieſe Lehre Lockes auf und gehen einen Schritt weiter. Hatte Locke nur bezweifelt, daß die Seele einen Inhalt haben könne, wenn nicht eine Außenwelt auf der Brücke der Sinne in ſie hineinwirke, ſo erklärte der franzöſiſche Materia⸗ lismus ſehr bald den Geiſt ſelber für eine Wirkung, eine Funktion der Materie. Die Materie organiſiert ſich, ſteigt zu immer höheren Formen auf, bis ſie im Menſchen nicht blos das Bewußtſein ihrer eigenen Zu⸗ ſtände, ſondern auch ein wahrheitsgetreues Bild der Welt und des rationellen Zuſammenhanges derſelben erzeugt. Was iſt dann für den Materialiſten die Natur? Eine urſprünglich in ſich tote Maſſe von Stoff, der durch das zufällige Zuſammentreffen von Wärme, Feuchtigkeit und Beleuchtung ſich hier und da organiſiert und das völlig zweckloſe Phänomen des Bewußtſeins und der geiſtigen Zuſtände als Begleit⸗ erſcheinung erzeugt. Zwei durch ihren Enthuſiasmus ungemein wirkſame Gegner ſtanden dieſer Naturauffaſſung gegenüber, die beide auf das Zeit⸗ alter Goethes und Schillers von tiefgehendſter Wirkung geweſen ſind, der ſchon 1713 verſtorbene Schüler Lockes, der Engländer Shaftesbury und J. J. Rouſſeau. Auf beide geht die leidenſchaftliche Geiſtesrichtung zurück, die wir in Deutſchland mit Sturm und Drang zu bezeichnen


