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Goethes Anschauung der Natur, die Grundlage seiner sittlichen und ästhetischen Anschauungen in Entwicklung und Wandlung / von Oberlehrer Dr. Friedrich Braß
Entstehung
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umfaſſende Gebiet: Shaftesburys Naturhymnus, die materialiſtiſchen Be⸗ trachtungen d'Alemberts und Diderots, ſo gut wie Klopſtocks Oden, die ſchmerzlichen Reflexionen Werthers, das ringende Bemühen Fauſts, ſie weiſen alle zurück zu den Betrachtungen des 17. Jahrhunderts, und dieſe wieder gehen alle aus von der Entdeckung des Kopernikus: An einer ganz ſinnfälligen Erſcheinung, die mit dem Leben eines Jeglichen in jedem Punkte ſich berührt, an der Bahn der am Himmel kreiſenden Sonne wurde der Menſchengeiſt auf einmal irre. So lange man den geozentriſchen Standpunkt beibehalten konnte, waren unſere höchſten Bildungsanſtalten, die Univerſitäten, lediglich von Geiſtlichen als Lehrern beſetzt. Von nun an drängten ſich Laien an die Lehrſtühle der hohen Schulen und verſchmähten es, geiſtliche Weihen auch niederen Grades vorher zu erlangen(cfr. Hermann Breßler, die Univerſitäten auf dem Baſeler Concil). Hier beginnt die europäiſche weltliche Bildung. Sehr bald erheben ſich da Zweifel, ob das Abbild der Welt, das uns die Sinne liefern, ein untrügliches ſei. Carteſius dehnt dieſen Zweifel in weiteſter Weiſe aus und macht erſt da Halt, wo alles moderne Denken anſetzt, an dem Subjekt. Zwei Thatſachen allein ſind ſeinem Zweifel nicht mehr unterworfen: unſer Denken und unſer Daſein. Ein glücklicher Zufall hatte ihn das Wort formulieren laſſen:cogito ergo sum. So⸗ fort hebt eine zweite Frage an: 1) entſprechen die Gedankenbilder und Vorſtellungen in uns der äußeren Welt ſo, daß wir zu adäquaten Vor⸗ ſtellungen und Begriffen der Außenwelt gelangen und 2) wie geſchieht es, daß dieſe Außenwelt imſtande iſt, in der Form von Vorſtellungen und Gedanken ſich in unſerem Geiſte wiederzuſpiegeln, wie das Bild der Welt auf der Fläche eines wirklichen Spiegels? Carteſius ſelbſt iſt der Meinung, daß die Außenwelt es vermöge, in uns hineinzuwirken und Vorſtellungen derart in uns zu erzeugen, daß wir in dieſen Vor⸗ ſtellungen zur unzweifelhaften Erkenntnis der Weſenheit der Dinge ge⸗ langen, oder, daß wir über die Natur der Dinge die volle Wahrheit zu ſagen imſtande wären. Schon bei Spinoza ſtellt ſich dieſe Frage ganz anders. Auch er glaubt zwar, daß wir in unſerem Denken die Weſen⸗ heit der Dinge zu ergreifen befähigt wären, aber die Dinge draußen und die Gedanken in uns ſind ihm doch ſchon etwas ſo völlig Unvergleich⸗ liches, ſo gänzlich Unähnliches, daß Erſcheinungen in dem Gebiete der körperlichen Welt ihm niemals Urſache von den Erſcheinungen der geiſtigen Welt, von unſeren Vorſtellungen ſein könnten. Sein Satz: ordo et connexio idearum idem est ac ordo et connexio rerum will ſagen: die Anordnung und Aufeinanderfolge der äußeren Dinge, ſowie ihre Be⸗ ziehung unter einander, iſt nicht die Urſache davon, daß unſere Vor⸗ ſtellungen von ihnen in ihrem Verhältnis zu einander dem Verhältnis