Stein in ſeinem bemerkenswerten Schriftchen über Goethe und Schiller(K. H. v. Stein, Goethe u. Schiller, Reclam.) wirft pag. 19 einmal die Frage auf, was ſich ein Jeglicher unter Natur denke. Es muß ja auffallen, daß der Deutſche für einen Lieblingsbegriff ſich eines Fremdwortes bedient. Aber beſſer als das Wort Wirklichkeit ſcheint ihm dieſes dunkle Fremdwort ein großes unergründliches Rätſel zu bezeichnen. In Erſtaunen ſetzt es nur, daß ein ſo feiner Kopf wie Stein die Ant⸗ wort darauf, was ſich Goethe unter Natur gedacht habe, ſo gründlich verfehlte. Er ſagt pag. 20„Der Menſch des beginnenden 18. Jahr⸗ hunderts dachte ſich bei dem Worte Natur ein Gewirr und Gewimmel, ein Unzähliges vor ſich, gleichviel von was, von Sternen, wenn ſichs ums Große, von Infuſorien, wenn es ſich um den Waſſeertropfen handelt, von Atomen, Maſſenteilchen.“
„Hier hat nun am Ende dieſes 18. Jahrhunderts ein hochbegabter Geiſt der Betrachtung der Natur ſich zugewandt. Seine perſönlichen Fähigkeiten, wie die Erkenntnismittel ſeiner Periode hat er mit Bevor⸗ zugung in den Dienſt dieſer Erkenntnis⸗Abſicht geſtellt. So hat er eine ſehr beſtimmte Anſchauung von„Natur“ gewonnen. Goethe denkt bei dem Worte Natur hauptſächlich an zwei konkrete Erſcheinungen, von welchen er ſich dieſes Wort ſo zu ſagen zugerufen fühlt. Dieſe Er⸗ ſcheinungen ſind die Farbe und die organiſche Geſtalt. Seine Arbeiten zur Naturwiſſenſchaft betreffen hauptſächlich„Farbenlehre und Morphologie“. Dieſe Stelle bei Stein war der Ausgangspunkt von Unterſuchungen, die in dieſer vorläufigen Form erſcheinen, da ſie ja erſichtlich viel weiter um ſich greifen, als ſie ſich in den Rahmen eines Schulprogramms er⸗ ledigen laſſen.
Kein Begriff war in dem Zeitalter Rouſſeaus, mit ſeinem ewig wiederholten retournons à la nature häufiger Gegenſtand der Betrachtung als„die Natur.“ Da es ſich in dieſem Aufſatze um eine Frage handelt, die nur im Zuſammenhange einer hiſtoriſchen überſicht verſtändlich wird, ſo müſſen wir einen Schritt weiter zurück in das 17. Jahrhundert gehen; denn alle Betrachtungen des vorigen Jahrhunderts über dieſes all⸗
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