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So einfach liegt aber die Sache nicht. Die Apoſtel— geſchichte hat, wie wir ſchon ſahen, die Tendenz, nachzuweiſen, daß Paulus von Gott ſelbſt der Leitung der bereits beſtehenden Gemeinde unterſtellt und erſt von ihr auf die Bahn der Heidenmiſſion gebracht worden ſei. Unmöglich darf er alſo Heidenmiſſion treiben, bevor Petrus Heiden bekehrt hat— ſei es auch bloß den Hauptmann Cornelius zu Caeſarea mit ſeinem Hauſe. Paulus darf in Damaskus lediglich den Juden predigen— ein ſynagogales Ereignis, an dem eben auch bloß wieder die Juden Anſtoß nehmen können. Der Bericht der Apoſtelgeſchichte iſt mithin im Rahmen der Tendenz völlig konſequent. Dagegen hat der des Paulus den Vorzug, hiſtoriſch wahr zu ſein.
Mit Verwunderung lieſt man zunächſt die Beteuerung des Apoſtels: Nach Empfang der Offenbarung„wandte ich mich ſofort nicht auch noch an Fleiſch und Blut, ging auch nicht hinauf nach Jeruſalem zu denen, die vor mir Apoſtel waren, ſondern ich ging nach Arabien.“ Wie? Paulus iſt nicht nach Jeruſalem geeilt, zu den Urapoſteln, um ſich all und jedes Wort, das Jeſus Chriſtus geſprochen, von ihnen wiederſagen zu laſſen und die Worte leidenſchaftlich von ihren Lippen zu nehmen? Er hat nicht darauf gebrannt, all und jedes über den Herrn, was noch zu erreichen war, in Erfahrung zu bringen? An der Tatſache iſt nicht zu zweifeln, das ſteht feſt. Und warum hat er ſich ſo kühl verhalten? Wirklich bloß deshalb, weil er ſeine völlige Selbſtändigkeit gegen Jeruſalem behaupten, weil er auch den Schein einer Beſtätigung ſeines Apoſtolats durch die Urapoſtel vermeiden wollte? Alſo aus ſelbſtherrlichen Beweggründen?
In Wahrheit konnte ihm, ſo merkwürdig es zunächſt klingt, ein Beſuch in Jeruſalem nichts einbringen als höchſtens eine große Enttäuſchung. Denn was war aus dem Chriſten⸗ tum unter den ſchwachen Händen der Urapoſtel geworden? „Eine kleine, jüdiſche Sekte, die den Meſſias gekommen glaubte, eine mildere Auffaſſung des Geſetzes hatte, ſeine ſittlichen Gedanken in den Vordergrund rückte und es prophetiſch auslegte.“ ¹s) Paulus hat offenbar von vornherein die Empfindung gehabt, daß ihn eine Welt von Gedanken von Petrus und den Uragpoſteln ſchied: eben der Inhalt ſeiner Offenbarung, die er ſich von niemand nehmen laſſen konnte, und die ihm doch ganz andere Ziele wies, als man in
¹18) Weinel, Paulus S. 122


