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Jeruſalem hatte, und ganz andere Wege, als man in Jeru⸗ ſalem wandelte. Gewiß hatte man in Jeruſalem die Worte des Herrn, aber ſie müſſen auch ſchon in den übrigen chriſt⸗ lichen Gemeinden zu finden geweſen ſein. Wie hätten ſie ihrer entbehren können? Und kam es nicht auch dabei auf die Auffaſſung an? Die Apoſtelgeſchichte hat ihre Haupt⸗ aufgabe darin erblickt, dieſe Gegenſätze zu verſchleiern und Paulus den Urapoſteln, die Urapoſtel aber Paulus näher zu rücken, um ſo gegen den Sieger die Sache der Beſiegten zu retten, ſoweit es überhaupt möglich war.
Wenn Paulus von Damaskus ſchließlich doch nach Jeruſalem ging, ſo hat ihn ſicher keine Hoffnung auf grund⸗ ſätzliche Verſtändigung zu dieſem Schritte veranlaßt. Er ſelbſt hat ſich kurz und knapp nur dahin geäußert, daß er Kephas habe kennen lernen wollen. Zu welchem Zwecke? Nur Zweckmäßigkeitsgründe können ihn nach Lage der Sache her⸗ geführt haben.
Paulus hatte ſoeben ſeinen Wirkungskreis verloren und ſtand im Begriff, ſich einen neuen zu ſuchen. Ich nehme an, daß er nach dem Grundſatze: ſchiedlich— friedlich ſich mit Petrus über das neue Miſſionsfeld verſtändigt hat, das er aufſuchen wollte.
Und welches könnte das geweſen ſein? Paulus ſagt nur:„Nachher kam ich in die Gegenden von Syrien und Kilikien.“ Die Stelle iſt mir ſeit Jahren aufgefallen. Soll recra heißen: geradeswegs von Jeruſalem, unmittelbar von meinem Beſuche bei Kephas— ſo verſtehe ich die Stelle nicht. Man ſtelle ſich vor: Paulus kommt aus Damaskus in Syrien, hält ſich beſuchsweiſe zwei Wochen in Jeruſalem auf und berichtet dann, er ſei in die Gegenden von Syrien und Kilikien gekommen. Jedermann wird antworten: Aber aus Syrien kommſt du ja her!
Dazu kommt eine andere Wahrnehmung. Solange Paulus in Damaskus ſaß, hat er mit den Urapoſteln keine Fühlung genommen, und dieſe wiederum haben unſeres Wiſſens ihn nicht beachtet. Man war einander fremd und blieb es. Das war ſeit dem Beſuche in Jeruſalem anders geworden, nicht zum Glücke für Paulus. Wir dürfen annehmen, daß man ihn ſeitdem in Jeruſalem im Auge behielt. Und doch ſoll Paulus volle vierzehn Jahre in Syrien und Kilikien Heiden, Unbeſchnittene bekehrt haben, ohne daß es zum Zuſammenſtoße gekommen wäre, ohne daß die Quertreibereien der Geſetzesfreunde eingeſetzt und die unerträglichen Verhältniſſe


