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des jüdiſchen Volkes die Empfänglichkeit für das Evangelium abgehe. Und hatte er nicht ein großes, warnendes Beiſpiel vor Augen? Was hatte denn Jeſus Chriſtus in eigner Perſon bei den Juden erreicht? Paulus hat ſich warnen laſſen, den Theſſalonikern ſchreibt er:„Ihr habt ebenſo gelitten von euren Volksgenoſſen wie die Chriſtengemeinden in Judäa von den Juden, die den Herrn Jeſus töteten ebenſo wie die Propheten und auch uns verfolgt haben, die Gott nicht gefallen und allen Menſchen zuwider ſind, da ſie uns ver⸗ hindern wollen, zu den Heiden zu reden, daß ſie gerettet werden.“
Wo ſich Frucht entwickeln ſoll, muß Fruchtbarkeit vor⸗ handen ſein. Eben die vermißte Paulus bei ſeinen Stammes⸗ genoſſen. Woher aber kam ſie bei ihm ſelbſt? Am Ende doch aus eingeborenem, jüdiſchem Geiſte oder aus ererbter, jüdiſcher Tradition? Das glaube ich nimmermehr. Nationale Anlage oder nationale Ueberlieferung kann ja eben nicht in Frage kommen, weil die Nation verſagte, und Paulus die beſtimmte Empfindung hatte, daß es nicht anders ſein könne. Wie kann eine Lehre aus jüdiſchem Geiſte geboren ſein, die von der jüdiſchen Nation fremd und kalt abgelehnt, ja leiden⸗ ſchaftlich bekämpft wird? Glaubt jemand, daß eine Mutter ihr Kind nicht erkenne? Ja, ſie erkennt es und ſchließt es herzlich in ihre Arme.
Auch Paulus hatte bekämpft und verfolgt, aber er hatte dem Bekämpfen und Verfolgen entſagt und war zur freudigen Anerkennung übergegangen. Unter welchem Einfluß? Es gibt nur eine Antwort: unter dem Einfluß heidniſcher Ideen. Nun erſt haben wir die tiefere Begründung dafür, warum in die Offenbarung, die er empfing, vom erſten Augenblick an die Berufung zum Heidenmiſſionar eingeſchloſſen war.
Man rede nicht ſo geringſchätzig von den Heiden. Sie, die Babylonier, Aſſyrer, Perſer, Aegypter, Griechen und Römer, ſind die Kulturvölker der alten Welt. Wo aber gibt es eine große Kultur ohne große religiöſe Ideen? Nirgends. Religiöſe dehi heidniſchen Urſprungs haben auf Paulus in Damaskus gewirkt.
Weinel urteilt:„In Paulus kreuzen ſich die Einflüſſe aus allen antiken Religionen, ſoweit ſie in Myſterien und helleniſtiſcher Religionsphiloſophie neu geſtaltet waren, mit dem eigenartigen religiöſen Leben Israels.“ ¹)—„Die Miſſion des Chriſtentums iſt nur eine Welle in dem großen
¹13)„Paulus“, S. 8.


