— 14—
einem Ortswechſel, nichts von einer Reiſe dazwiſchen, aber könnte nicht trotzdem der Ort der Verfolgung ein anderer ſein als der Ort der Offenbarung? Du bedienſt dich des argumentum e silentio und müßteſt doch rechtſchaffen Galaterbrief und Apoſtelgeſchichte kombinieren.
Ich werde mich ſchwer hüten, dieſe Unglücksſtraße zu wandern. Als ob es ſich um zwei gleichwertige Berichte handelte! Ich müßte eine ſolche Zumutung wirklich als kritiſche Naivität zurückweiſen. Wer aus einem reinen Quell ſchöpft und es nicht laſſen kann, ſeine Schüſſel hinterher noch mit unreinem Waſſer aufzufüllen: was erhält der? Lauter unreines Waſſer! Denn das unreine geht nicht unter im reinen, aber das reine geht unter im unreinen. Ich weiß aber ſchon, worauf du hinauswillſt, ich kenne deine Schmerzen. Jeruſalem, das heilige, in Wahrheit ſo unheilige Jeruſalem, kommt dir nicht aus dem Sinn. Aber der Mär, daß Jeruſalem der Jugendaufenthalt des Paulus geweſen ſei, läßt ſich zum Glück endgültig und unwiderruflich der Hals umdrehen.
Aus den folgenden Worten des Apoſtels ergibt ſich nämlich unzweideutig, daß ihm ſogar noch volle ſiebzehn Jahre nach ſeiner Berufung die chriſtlichen Gemeinden in Judäa, zu denen in erſter Linie die in Jeruſalem gehört, völlig unbekannt geweſen ſind. Sie kannten ihn nicht, und er kannte ſie nicht. Zum erſten Male in ſeinem Leben hat er Jeruſalem überhaupt drei Jahre nach ſeiner Berufung geſehen: da reiſt er nach Jeruſalem, eben, weil ihm hier niemand bekannt iſt, und er wenigſtens die Bekanntſchaft des Petrus machen möchte. Er lernt ihn kennen und ſieht außerdem noch Jakobus, den Bruder des Herrn. Die chriſtliche Gemeinde in Jeruſalem lernt er auch jetzt noch nicht kennen. Das geſchieht erſt vierzehn Jahre ſpäter. Der in der Apoſtelgeſchichte berichtete Jugendaufenthalt des Paulus in Jeruſalem iſt alſo unzweifel⸗ haft apokryph, er iſt untergeſchoben.
Sollte man nicht meinen, daß die klaren Worte des Apoſtels längſt mit Sicherheit hätten auf die richtige Spur leiten müſſen? Warum haben ſie es denn nicht getan? Weil er hinterher eine Bemerkung bringt, die zwar an und für ſich wenig beſagt und ſchwerlich jemals irgend jemand irregeführt hätte, die aber, unwillkürlich kombiniert mit dem Bericht der Apoſtelgeſchichte, ſehr wohl geeignet iſt, auch ſtand⸗ hafte Leſer auf den Holzweg zu locken.
Der Apoſtel fährt nämlich fort:„Nur durch Hörenſagen wurden ſie(die chriſtlichen Gemeinden in Judäa) inne: unſer


