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Fünfzehnter Abſchnitt.
§. 41. Die römiſch⸗katholiſche Kirche unter dem wachſenden Einfluß des Jeſuiten⸗Ordens.
Der Zorn und Schrecken, welcher den römiſchen Hof bei den Angriffen der Reformatoren auf die Mißbräuche und Irrlehren der Kirche und bei den Niederlagen der letzteren in Deutſchland, in der Schweiz, in England und im Norden ergriffen hatte, nöthigte die Curie trotz alles Wider⸗ ſtrebens zu eignen Reformationsverſuchen, um ſich auf dem Grunde der bisherigen Tradition ſoviel als möglich zu behaupten, das nachlaſſende religiöſe Leben der katholiſchen Völker zu erfriſchen, und wo möglich auch die verlornen Gebiete wieder zu gewinnen.—
a) Die Feſtſtellung der katholiſchen Kirche des Abendlandes auf dem Grunde der bisherigen Tradition gelang auf dem Concil von Trident(1545— 63) Nur einige beſonders anſtößige Mißbräuche wurden beſeitigt; dagegen die herrſchende Stellung des Papſtthums, das Uebergewicht der Tradition über die Schrift und die ueledeägtt Verwerfung der Proteſtanten wurde durch den Legaten Morone und durch die Theologen des Jeſuitenordens erreicht. b) Durch die Theatiner, einen vom Biſchof Peter Caraffa zu Theate, dem ſpäteren Papſt Paul IV., gegründeten Verein italieniſcher Prieſter, wurden gleichzeitig die Geiſtlichen Italiens fanatiſirt und zur mörderiſchen Verfolgung der Evangeliſchen angetrieben. Zu dieſem Zweck wurde die Inquiſition nach ſpaniſchem Muſter eingeführt und eine beſondere Behörde zur Vertilgung der proteſtantiſchen Bücher(Congregatio indicis librorum prohibitorum) eingeſetzt. Unzählige evangeliſche Chriſten wurden darauf erſäuft, verbrannt und ſonſt zu Tode gebracht; eine große Zahl fand Zuflucht im Auslande. Erſt im 19. Jahrhundert verlieh das ſeit 1859 entſtandene Königreich Italien den Proteſtanten Religionsfreiheit und erleubte ihnen ſogar in Rom öffentlichen Gottesdienſt.„
c) Die ſtärkſte Hülfe zur Befeſtigung des Katholicismus und zur Bekämpfung der Proteſtanten kam aber dem Papſtthum durch Ignaz von Loyola(Inigo de Loyola) und durch den von ihm gegründeten Jeſuitenorden.
Ignaz von Loyola, ein ſpaniſcher Ritter aus altem Adel, ungewöhnlich willensſtark und thatkräftig, bei der Belagerung von Pampelona 1521 am Fuß verwundet, las auf dem Krankenbett„die Thaten der Heiligen“(Acta sanctorum), wurde durch dieſes Buch zu dem Entſchluß begeiſtert, ſein bisheriges weltliches Ritterthum aufzugeben und ſich ganz dem Dienſte Gottes, der h. Jungfrau und der katholiſchen Kirche zu widmen. Er verzichtete darauf auf ſein Vermögen zu Gunſten der Armen, gab ſich den ſchwerſten Selbſtpeinigungen und einer ausſchweifenden Andacht hin, glaubte Erſcheinungen Marias und der heil. Dreieinigkeit zu erfahren und beſchloß als Miſſionar unter die Moslems zu gehen. Da ihm letzteres auf einer Reiſe nach Jeruſalem beſonders wegen ſeiner Unwiſſenheit gänzlich mißlang, lernte er als 33 jähriger Mann nach ſeiner Rückkehr mit eiſernem Fleiß die Anfangsgründe der Wiſſenſchaften, ſtudirte in Alkala, Salamanka und Paris Philoſophie und Theologie, betrieb daneben ſeine früheren Andachtsübungen, wußte auch andere, zum Theil hochbegabte Landsleute für ſeine Pläue zu gewinnen, und gründete 1534 mit 6 gleichgeſinnten Freunden in der Marienkirche auf dem Mont Martre die„Geſellſchaſt Jeſu“ zur Beförderung der Ehre Gottes, der heil. Jungfrau und der katholiſchen Kirche. Nachdem der neue Orden 1540 vom Papſt beſtätigt war, widmete ſich derſelbe theils der Predigt für das Volk, theils der Seelſorge bei Fürſten und Herrſchaften theils dem Unterricht an höheren Schulen(Collegien), theils der Miſſion unter den Heiden, theils endlich der Bekämpfung der Evan eliſche Au ſeine Spitze wurde der Pater General als Alleinherrſcher geſtellt; deſſen 4 Aſſiſtenten erhielten erae ther le Stimme. Unter den General wurden die Profeſſen geſtellt, d. h. diejenigen Jeſuiten, welche ſich bereits i 1d 3 6 bewährt hatten, ſämmtlich ordinirte Prieſter waren und außer den 3 herkömmlichen Mönchsgelübden noch das b d 5 Gelübde des Gehorſams gegen den Papſt abgelegt hatten Auf dieſe folgten die Coadjutoren(Mithelfer) ſen de geiſtlichen, theils weltlichen Standes; endlich auf dieſe die Scholaſtiker, gelehrte Jeſuiten, welche im Unterricht 6 ⸗ wendet wurden. Unter die Novizen wurden nur geſunde und gut beanlagte Jünglinge aufgenommen dumme vind kränkliche aber zurückgewieſen. Höchſter Grundſatz des Ordens war unbedingter Gehorſam gegen den Papſt bzw. gegen die Vorgeſetzten. Der einzelne Jeſuit ſollte in der Hand ſeines Obern„wie ein Leichnam, wie ein Stab in der Hand eines Greiſes“(velut cadaver, velut baculus in manu senis) ſein. Er durfte keine eigene Ueberzeugung haben, ſondern mußte gut finden und thun, was ihm der Obere gebot, der Beichvater rieth oder ein angeſehener katholiſcher, zumal jeſuitiſcher Theolog(Moraliſt, Caſuiſt) empfahl, mochte es den ſonſtigen göttlichen und menſchlichen Rechten entſprechen oder nicht. Die eigne Verantwortung wurde durch dieſen Gehorſam gegen die „probabelen“ Meinungen aufgehoben und an die Stelle der höchſten chriſtlichen Moralgrundſätze trat der Probabilismus, die blinde Befolgung fremder Anſichten. Es war dies für die Sittlichkeit der Jeſuiten und ihrer Beichtkinder unter Fürſten und Völkern um ſo nachtheiliger, weil ihre Sittenlehrer und Theologen die Lehre von der Intention des Willens, d. h. den Grundſatz ausbildeten, es ſei Alles erlaubt, wobei man die größere Ehre Gottes, des Papſtes und der Kirche oder doch irgend ſonſt einen guten und erlaubten Zweck verfolge. Hierdurch wurden Empbrung, Königsmord, Meineid, Diebſtahl und andere Sünden unter Umſtänden als gut und heilſam hingeſtellt.


