Pfarrhauſe und durch Vertheilung von Erbauungsſchriften, beſonders von Neuen Teſtamenten und Arnds wahrem Chriſtenthum. Weil aber hierdurch eine kräftige Erweckung in der Gemeinde entſtand, von welcher auch Katholiken ergriffen wurden, ſo bewirkten vornehme Katholiken durch allerlei Verläumdungen bei dem Kurfürſten und Erzbiſchof von Mainz, daß Franke aus Erfurt verbannt wurde. Durch Speners Vermittelung kam er 1692 als Pfarrer an die ganz verkommene Vorſtadt Glaucha in Halle. Hier, unter dem verwahrloſten Volke begann nun ſeine größte Wirk⸗ ſamkeit, während er daneben als Profeſſor auch unter den Studenten neues Leben weckte. Um die armen Kinder ſeiner Gemeinde vom Straßenbettel zu entwöhnen, wollte er eine Armenſchule gründen. Dazu ſchenkte ihm Jemand 4 Thlr. 16 Sgr. Franke begann mit dem Unterricht auf ſeinem Studierzimmer; 1695 konnte er mit den ihm zugefloßenen Gaben bereits ein Haus kaufen, in welchem er die armen und verwaiſten Kinder unterbrachte, und 1696 noch ein weiteres. Zugleich verband er mit der Armenſchule eine Gelehrtenſchule, aus welcher ſpäter das Pädagogium des Waiſenhauſes hervorging. Durch die bisherige göttliche Hülfe ermuthigt begann Franke 1698 ohne jegliches Kapital, allein im Vertrauen auf Gott den Bau des jetzigen Waiſenhauſes. Darüber wurde er freilich viel verſpottet, aber der Herr erhörte ſeine Bitten von Woche zu Woche, von Monat zu Monat; niemals fehlte es ihm am Nöthigen; die meiſten Unterſtützungen kamen von unbekannten Gebern. Als das Haus emporwuchs, verſtummten die Spötter, Franke aber erweiterte die Stiftung immer mehr. Mit dem Waiſenhaus verband er eine Verſorgungsanſtalt für fromme Jungfrauen, eine andere für gottesfürchtige Wittwen, ein Pädagogium für Adlige und Reiche, ein Collegium zum Siudium der orientaliſchen Sprachen für Theologen, ein Stipendium zu 100 Freitiſchen für Studenten, welche theil⸗ weiſe in der Anſtalt unterrichteten, eine große Buchhandlung, eine Druckerei, eine Apotheke ſowie endlich die berühmte Freiherrlich von Kannſteinſche Bibelanſtalt, in welcher zuerſt die Bibel mit ſtehenden Lettern(Stereotypen) gedruckt und dadurch zu einem unerhört billigen Preis abgegeben werden konnte. Im Jahr 1714 unterrichteten 108 Lehrer in den ſämmtlichen Schulen der Stiftung 1075 Knaben und 760 Mädchen. Als im Jahre 1713 Friedrich Wilhelm I. von Preußen die Anſtalten beſuchte, fragte er den Buchhändler Chlers, welcher ihm dieſelben zeigte, zuletzt mit Erſtaunen: Nun, was hat er denn von dem Allen? Ew. Majeſtät, entgegnete Chlers, wie ich hier gehe und ſtehe. Da wandte ſich der König zu Franke: Nun begreife ich, wie er ſo etwas zu Stande bringen kann; ich habe ſolche Leute nicht. Franke aber beſaß allerdings mehr als einen ſolchen Mann und Geſinnungsgenoſſen, der, wie er ſelbſt, alle ſeine Kraft, Zeit und Habe in den Dienſt des Herrn ſtellte, ohne für ſich etwas weiteres zu wollen als den beſcheiden abgemeſſenen Unterhalt.
3) Die Richtung Speners und Frankes mit ihrer Betonung wahrhaftiger Buße und Bekehrung, inniger Hingabe an den Heiland und ſtrengen chriſtlichen Wandels breitete ſich allmälig in immer weitern Kreiſen aus. Selbſt ſolche Männer wurden davon bewegt, welche in der Lehre an der ausſchließlich lutheriſchen Auffaſſung unbedingt feſthielten und vom Pietismus nichts wiſſen wollten. Ein innigeres, tieferes, mehr auf Heiligung gerichtetes Chriſtenleben blühte empor. Das Gemüths⸗ und Herzens⸗Leben im geſammten proöteſtantiſchen Deutſchland wurde kräftiger angeregt. Weit und breit wurden Armenſchulen eingerichtet und der Jugendunterricht verbeſſert.
Die vorhandene Liebe zum Heiland ſprach ſich in ſchönen Gottesliedern aus. Erdmann Neumeiſter,(1671— 1756), ein ſtrenger Lutheraner, dichtete: Jeſus nimmt die Sünder an; Benjamin Schmolk, ein Prediger der ſchleſiſchen Märtyrerkirche,(1662— 1737): Himmelan geht unſre Bahn, Der beſte Freund iſt in dem Himmel, Thut mir auf die ſchöne Pforte, Was Gott thut das iſt wohlgethan, Weine nicht, Gott lebet noch, Allein und doch nicht ganz alleine; Adam Dreſe, ein Freund Frankes,(1630— 1718): Seelenbräutigam; Gabriel Wolf,(1683— 1754): Seele, was ermüdſt du dich; Chriſtian Friedrich Richter,(1676— 1711): Es glänzet der Chriſten inwendiges Leben, O wie ſelig ſind die Seelen, Es koſtet viel ein Chriſt zu ſein, Es iſt nicht ſchwer, ein Chriſt zu ſein; Joh. Anaſtaſius Freyling⸗ hauſen,(1670— 1739): Wer iſt wohl wie du; Joh. Heinr. Schröder,(1660— 2): Eins iſt Noth, ach ꝛc., Jeſu, hilf ſiegen, Du Fürſte des Lebens; Karl Heinr. v. Bogatzky,(1690— 1774): Wach auf du Geiſt der erſten Zeugen; Joh. Ludw. Konr. Allendorf,(1693— 1773): Unter Lilien jener Freuden; Joh. Sigismund Kund,(1700— 1779): E iſt noch eine Ruh vorhanden; der Separatiſt und Sectenfreund, aber auch Geſchichtſchreiber der Verfolgten aller Jahr⸗ hunderte Gottfried Arnold,(1666—1714): So fürſt du doch recht ſelig, Herr, die deinen, O Durchbrecher aller Bande; der in Halle durch Franke angeregte Nikol. Ludw. von Zinzendorf, der Gründer der herrnhutiſchen Brüdergemeinde, 71700— 1760): Jeſu, geh voran. Eine Nachblüthe dieſer Zeit trat noch hervor in Chr. Fürchtegott Gellert(1715— 69): Mein erſt Gefühl, Wenn ich o Schöpfer deine Macht, Wie groß iſt des Allmächtigen Güte, Dies iſt der Tag den Gott gemacht; Jeſus lebt, mit ihm auch ich ꝛc. 4
4) Der Segen der pietiſtiſchen Bewegung hätte noch bedeutend größer werden können, wenn nicht nach drei Seiten hin krankhafte Erſcheinungen ſich mit ihr verknüpft hätten. Spener und Franke ſelbſt bei ihrem ernſten Dringen auf Heiligung hatten bereits vor dem Genuſſe aller weltlichen Luſtbarkeiten, Erholungen und Reizmittel, wie ſpielen, tanzen, reiten, fechten, rauchen, Theater beſuchen und dgln. dringend gewarnt; ein Theil der Pietiſten übertrieb dies in der kleinlichſten Engherzigkeit und ſchadete dadurch der Sache des Reiches Gottes ſehr bei andern Menſchen. Ebenſo einſeitig und unrichtig und deßhalb ſchädlich war die Behauptung vieler Pietiſten, welche ſich auch bei den Methodiſten in England findet, ein bekehrter Menſch müſſe Tag und Stunde angeben können, an welchen er aus ſeinem Bußkampfe in die Gnade Gottes durchgedrungen ſei. Mit Recht nahmen unbefangene Schriftforſcher an dieſer Behauptung Anſtoß. Endlich hing ſich an die Erfahrung innerlicher Uutwandlung bei vielen Pietiſten ein geiſtlicher Hochmuth, welcher ſich einbildete, Offenbarungen durch den heiligen Geiſt zu empfangen und nicht an das geſchriebene Wort gebunden zu ſein; die verſchiedenſten Sectirer, Separatiſten, Inſpirirte und Schwärmer tauchten daher auf, welche die Ruhe der Gemeinden ſtörten und den ſiegreichen Lauf des Evangeliums hemmten.
5) Im Laufe des 18. Jahrhunderts trat in der dentſchen lutheriſchen Kirche durch den Einfluß der ſogenannten engliſchen„Freidenker“ und der franzöſiſchen Gottesleugner eine tiefe Entfremdung vom urſprünglichen chriſtlichen


