34
b) In die Fußtapfen Arnds trat als Gegner eines bloßen Scheinchriſtenthums und als Lehrer einer wahren Gottſeligkeit der Profeſſor und Prediger Heinrich Müller zu Roſtock,(1631— 1675). Der Eifer um das Haus des Herrn verzehrte zwar früh ſeine Kräfte, aber durch ſeine erwecklichen Predigten und beſonders durch ſeine Geiſtlichen Erquickſtunden weckte er auch über das Grab hinaus in unzählichen Seelen ein neues Leben.
c) Nicht weniger war dies der Fall bei ſeinem Zeitgenoſſen Chriſtian Seriver aus Rendsburg,(1629— 1693), Paſtor zu Stendal, Magdeburg und Quedlinbnrg, deſſen erbauliche Schrifien die höchſte Blüthe evangeliſcher Frömmigkeit im 17. Jahrhundert darſtellten. Neben der kleinen Schrift: Gottholds zufällige Andachten, war es beſonders der Seelenſchatz, durch welchen Scrivers Namen für alle Zeiten mit der Geſchichte der lutheriſchen Kirche, ja der chriſtlichen Kirche überſiaupt verknüpft wurde.
d) Mehr mit der Waffe des Humors, aber dabei ſtets erfüllt vom tiefſten Ernſt des Glaubens kämpfte Johann Balthaſar Schuppius,(1610— 1661), Profeſſor zu Marburg, Hofprediger zu Braubach und Paſtor zu Hamburg, gegen die todte Rechtgläubigkeit ſeiner Glaubensgenoſſen und für die innerliche Erneuerung des chriſtlichen Volkslebens. Als Abgeſandter des Landgrafen von Heſſen und bei Rhein hielt er auf den Wunſch Oxenſtiernas beim Frieden zu Münſter 25. October 1648 die erſte Friedenspredigt. Seine Schriften wurden hauptſächlich in den höheren Ständen geleſen, während die von Arndt, Müller und Scriver im Herzen des geſammten Volkes eine Anknüpfung fanden und ungleich weitere Verbreitung erhielten..
7) Unter den vielen wahrhaft gottesfürchtigen Laien der lutheriſchen Kirche ragte Herzog Ernſt der Fromme von Sachſen-Gotha, der Bruder Bernhards von Weimar, in mehrfacher Beziehung hervor. Er war der gewiſſenhafteſte Fürſt ſeiner Zeit, ein wahrer Vater ſeines Landes, welchem das zeitliche und ewige Heil ſeiner Unterthanen am Herzen lag, und welcher ſich um die Fördernng von Kirche und Schule die größten Verdienſte erwarb.
§. 38. Die innere Erneuerung der lutheriſchen Kirche durch Spener und den Pietismus.
1) Das längſt empfundene Bedürfniß nach einer Erneuerung und Vertiefung des chriſtlichen Lebens im lutheriſchen Deutſchland fand erſt durch Philipp Jacob Spener eine vollere Befriedigung.
Derſelbe war geboren zu Rappoltsweiler 1636, empfing eine fromme Erziehung im lutheriſchen Glauben, ſtudirte dann in Straßburg, bekam auf einer Reiſe durch fromme Reformirte in Genf die für ſein Leben entſcheidende Anregung, wurde darauf als Freiprediger in Straßburg angeſtellt und 1666 als erſter Prediger(Senior) nach Frank⸗ furt a. M. berufen. Hier beſchränkte er ſich nicht auf Predigt und Seelſorge, ſondern hielt in ſeiner Wohnung auch Unterredungen mit Gemeindegliedern über Fragen des Glaubens(colloquia pietatis) und öffentliche Bibelſtunden mit größeren Verſammlungen ſeit 1670(collegia pietatis). Im Jahr 1675 erſchien ſeine Pia desideria oder herzliches Verlangen nach einer gottſeligen Erneuerung der Kirche. In dieſer Schrift betonte er, daß die Theologie nicht bloß eine Wiſſenſchaft, ſondern noch mehr eine innere Erfahrung, eine Sache des Herzens und der That ſein müſſe. Er forderte deßwegen 1) daß die Univerſitätslehrer nicht mehr ausſchließlich die Bekenntniſſe und die Unterſcheidungs⸗ lehre, ſondern die heilige Schrift ſelbſt und zwar nicht in lateiniſcher ſondern in deutſcher Sprache treiben ſollten, auf daß die Gewiſſen der Studirenden ergriffen würden und tüchtige Seelſorger entſtünden; 2) daß die Prediger ſich des gelehrten und leidenſchaftlichen Kampfes gegen Katholiken, Reformirte und Sectirer enthalten und ſtatt deſſen das Wort Gottes einfach, verſtändlich und erbaulich auslegen möchten, damit Buße, Glaube und Heiligung in den Gemeinden geweckt und das allgemeine Prieſterthum der Gläubigen verwirklicht werde; 3) daß das Wort Gottes dem Volke auch durch fortlaufende Erklärungen in Bibelſtunden näher gebracht werde; 4) daß der Unterricht der Jugend im Wort Gottes und im Kathechismus eifriger getrieben, die Konfirmanden gründlicher vorbereitet und das Volks⸗ ſchulweſen eingehender gepflegt werde. Dieſe Forderungen Speners fanden zwar bei ſtrengen Lutheranern hier und da Widerſpruch und trugen ihm den Vorwurf des Pietismus, d. h. der Frömmelei oder einer krankhaften Frömmigkeit, ein, allein im Allgemeinen wurden ſie freudig begrüßt und befolgt. Spener ſelbſt wurde 1686 Oberhofprediger des Kurfürſten Georg III. von Sachſen. Da er demſelben als ernſter Seelſorger aber ſeine Trunkſucht vorhielt, wurde ihm ſeine Stellung ſo erſchwert, daß er 169! gern einem Rufe nach Berlin folgte, wo er in hoher Stellung bis an ſein Ende blieb und beſonders zur Gründung der Üniverſität Halle mitwirkte. Er ſtarb nach einem vielfach beunruhigten Leben 1705.
2) Der bedeutendſte Schüler und Freund Speners war Auguſt Hermann Franke, der Gründer des halliſchen Waiſenhauſes, geb. zu Lübeck 1663, geſt. zu Halle 1727.
Nach einer gottesfürchtigen Erziehung im Elternhauſe ſtudirte er in Erfurt und Leipzig, las mit frommen Studenten eifrig Gottes Wort, gerith jedoch durch das Streben, die göttlichen Offenbarungen mit dem denkenden Ver⸗ ſtande zu begreifen, in ſchwere Zweifel an Gottes Daſein und an der Wirklichkeit der Erlöſung. In einer Stunde, da er am Rande der Verzweiflung betete: Herr, wenn du überhaupt lebſt, laß mich deine Gnade erfahren! empfing er aber eine ſo durchdringende, ſelige Gewißheit von der Liebe Gottes in Chriſto, daß er ſeitdem ſein ganzes Herz und Leben dem Herrn weihte. Als Privatdocent der Theologie zu Leipzig begann er 1689 die von Spener geforderten Bibelauslegungen(collegia pietatis), durch welche viele Studenten und Bürger bekehrt wurden. Sehr bald erhoben jedoch die ſtrenggläubigen Lutheraner im Verein mit den weltlich geſinnten Leuten heftigen Widerſpruch gegen dieſe Erbauungsſtunden, machten Franke und ſeinen Freunden den Vorwurf des Pietismus und bewirkten endlich ſeine Vertreibung aus Leipzig. Als Prediger nach Erfurt berufen ſuchte Franke das Heil der Gemeinde nicht nur durch die Predigt in Speners Sinne, ſowie durch eifrige Seelſorge zu fördern, ſondern auch durch Bibelſtunden im


