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2 (1879)
Entstehung
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Garantie des weſtphäliſchen Friedens der urſprüngliche lutheriſche Charakter der Kirche. Auch in Brandenburg empfing das reformirte Bekenntniß durch den Uebertritt des Kurfürſten Johann Sigismund 1613 öffentliche Anerkennung, während freilich das Volk beim lutheriſchen Glauben und Gottesdienſt blieb.

4) Im innern Glaubensleben der lutheriſchen Kirche folgte auf den großartigen Aufſchwung der Reformationszeit eine Zeit des Nachlaſſens und der theilweiſen Erſchlaffung. Die ſchöpferiſchen Grundgedanken der Reformation waren unter ſo großen innern und äͤußern Kämpfen ins kirchliche Leben eingeführt worden, daß eine gewiſſe Ermüdung nicht ausbleiben konnte. Für das nachfolgende Geſchlecht trat daher ein Stillſtand in der kirchlichen Entwickelung ein; ihm galt es in erſter Linie als ſeine Aufgabe, das errungene Glaubensgut feſtzuhalten und gegen Angriffe von außen zu vertheidigen. In unbewußtem Widerſpruch gegen die ſchriftmäßigen Grundſätze der lutheriſchen Kirche ſelbſt fing man aber leider hierbei an, ein übertriebenes Gewicht auf die Lehre zu legen und daneben die großen Mängel der öffentlichen Sittlichkeit zu überſehen.

Eine nicht geringe Verſuchung zu dieſer unevangeliſchen Richtung des kirchlichen Lebens war freilich durch die äußere Lage der lutheriſchen Kirche gegeben. Der Augsburger Religionsfrieden von 1555 war vom Papſt und von dem gewaltig aufſtrebenden Jeſuitenorden nicht anerkannt und die katholiſchen Gelehrten ſetzten eine Ehre darein, die Lutheraner mit immer neuen Angriffen, Vorwürfen und Bedrohungen zu überſchütten. Die letztern wurden hierdurch genöthigt, mit unabläſſiger Wachſamkeit die evangeliſchen Lehren und Einrichtungen zu vertheidigen. Mehrere Menſchenalter lang wurden deßhalb die beſten theologiſchen Kräfte durch den literariſchen Krieg gegen die Katholiken in Anſpruch genommen. Zu gleicher Zeit wüthete aber auch ein ähnlicher Kampf gegen die Neformirten (Zwinglianer, Calviniſten, Melanchthonianer oder Philippiſten, Sacramentirer u ſ. w.). Seit dem Religionsgeſpräch zu Marburg glaubte kein ſtrenger Lutheraner die dargebotene Bruderhand der Reformirten annehmen zu können; man fühlte ſich durch die calviniſche Lehre von der Gnadenwahl und von der geiſtlichen Nießung des Leibes und Blutes Chriſti im tiefſten Innern zurückgeſtoßen; man hielt es für Pflicht, gegen dieſe Lehren aus allen Kräften zu ſtreiten. Beſonders die theologiſchen Profeſſoren ſahen es deßhalb als ihre wichtigſten Aufgaben an, ihre Zuhörer zu tüchtigen Kämpfern gegen Calvinismus und Papſtthum heranzubilden, und vernachläſſigten hierüber nicht ſelten in ihren, ohnehin ſtets lateiniſch gehaltenen Vorleſungen die eigentliche Erbauung und die ſittliche Förderung der Studirenden. Ebenſo machten es viele Geiſtliche auf den Kanzeln gegenüber ihren Gemeindegliedern. Statt denſelben nach Gottes Wort und nach dem innerſten Lebenstrieb der Reformation Buße und Glaube zu predigen, bekämpften ſie faſt nur noch die Andersgläubigen und ergingen ſich in leidenſchaftlicher Verdammung derſelben, oft ſogar mit Nennung der Namen(Nominal⸗Clenchus). Das Volk wurde hierdurch fanatiſiert und meinte deſto beſſer lutheriſch zu ſein, je heftiger es die Andersgläubigen haßte. Einer großen Menge von Lutheranern ging auf dieſe Weiſe der urſprüngliche Glaubensbegriff ihrer eignen Kirche verloren; ihr Glaube war nicht mehr, wie bei Luther, das herzliche Vertrauen einer bußfertigen Seele auf Gottes Gnade in Chriſto, ſondern das ſtrenge Fürwahrhalten der lutheriſchen Lehre bis ins Einzelne hinein, ein geſchichtlicher Glaube ohne Bekehrung des Herzens, ein juriſtiſches Rechthabenwollen und Aburtheilen. Während Luther einſt den rechtfertigenden Glauben für ein lebendig, kräftig und geſchäftig Ding erklärt hatte, aus welchem die guten Werke bei den Glänbigen und Wiedergeborenen von ſelbſt kommen müßten, gefiel ſich jetzt ein großer Theil ſeiner eifrigſten Nachfolger in einer rohen Gleichgültigkeit gegen die unerläßlichen Forderungen eines chriſtlichen Wandels. An den fürſtlichen Höfen, beim Adel auf ſeinen Schlöſſern, unter den Studirenden auf den Hochſchulen, bei den Bürgern in den Städten herrſchte neben großer äußerlicher Kirchlichkeit ein wüſtes und unmäßiges Treiben, ſchmutziges Leben bei reiner Lehre. Die greulichen Hexenproceſſe, welche im Mittelalter aus einer Verbindung des unbibliſchen Volksaberglaubens mit der päpſtlich eingeführten Inquiſition hervorgegangen waren, dauerten auch in den lutheriſchen Ländern noch bis ins 18. Jahrhundert fort.

5) Neben dieſen dunkeln Schattenſeiten des kirchlichen Lebens traten jedoch auch die ſegens⸗ reichen Wirkungen des wieder auf den Leuchter geſtellten Evangeliums glänzend hervor. In der deutſchen Bibel, im Katechismus, in den Kirchenliedern, in gedruckten Predigten Luthers und anderer frommer Männer, in den Gebeten und Schriftvorleſungen des Gottesdienſtes, in der ergreifenden Feier des Abendmahls und in der feſten kirchlichen Sitte war doch dem lutheriſchen Volke ein unverſiegbarer Quell der Wahrheit und des Troſtes aufgeſchloſſen, welcher fort und fort neues Leben in den Gemüthern weckte.

a) Auch bei den heftigſten Verfechtern der lutheriſchen Lehre gegen Andersgläubige fand ſich nicht ſelten eine tiefe und innige Herzensfrömmigkeit; Philipp Nikolai aus Mengeringhauſen, geb. 1556, geſt zu Hamburg 1608, einer der eifrigſten Gegner der Reformirten, welcher ſich nicht ſcheute, dieſelben als Muhamedaner und Götzendiener zu bezeichnen, konnte doch das herrliche Jeſuslied hervorbringen: Wie ſchön leuchtet der Morgenſtern, ſowie das großartige und den beſten Liedern Lutbers an Kraft gleichkommende Lied: Wachet auf, ruft uns die Stimme. Ueberhaupt fehlte es der lutheriſchen Kirche zu keiner Zeit an heiligen, großen Seelen unter Laien und Geiſtlichen, welche die volle Kraft des Evangeliums im Herzen eucheen hatten und dieſelbe durch einen chriſtlichen Wandel bewährten.

b) Aus tiefſter Erfahrung heraus rauſchte der Strom der kirchlichen Liederdichtung in unverminderter Kraft und Friſche weiter. Gerade in den ſchrecklichen Zeiten des dreißigjährigen Krieges, welche der Kirche ſo tiefe Wunden ſchlugen, fanden fromme Männer im Liede den ſchönſten Ausdruck für ihren Schmerz und für ihren Troſt. Valerius Herberger, Pfarrer zu Frauſtadt,(1562 1627), ſang ſein: Valet will ich dir geben; Joh. Herm. Schein, Capellmeiſter in Leipzig,(1586): Machs mit mir Gott nach deiner Güt; Joh. Mat. Meyfarth,(1590 1642):