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Wahrheit. Er verließ ſeine Stelle als Rektor der Schule zu Treptow an der Rega, wurde in Wittenberg Luthers Zuhörer und Freund, hielt Vorleſungen über die Pſalmen an der Univerſität, wurde Profeſſor, Stadtpfarrer und General-⸗Superintendent des Kurkreiſes, unterſtützte Luther bei der Ueberſetzung der Bibel, führte die Reformation in Dänemark, Pommern, Hamburg, Lübeck, Braunſchweig und Hildesheim ein, verfaßte die Kirchenordnungen für dieſe Länder, überlebte mit tiefem Schmerz den Tod Luthers und ſtarb 1558, wie Melanchthon betrübt durch Streitigkeiten
der Evangeliſchen unter einander.
§. 37. Die lutheriſche Kirche in Deutſchland bis auf Spener.
1) Im Großen und Ganzen behauptete ſich die lutheriſche Kirche in denjenigen deutſchen Ländern, welche beim Abſchluß des Augsburger Religionsfrieden 1555 bereits evangeliſch geweſen waren.
Ihre Anhänger hießen in der amtlichen Sprache des Reiches„Augsburger Confeſſions⸗Verwandte“, weil ſich ihre Berechtigung auf freie öffentliche Religionsübung auf die Zugehörigkeit zur Augsburger Confeſſion gründete. Vom Volke wurden ſie entweder Lutheraner genannt, wie ſie nach und nach auch ſelbſt ſich nannten, oder Proteſtanten, weil ſie 1529 auf dem Reichstage zu Speier gegen die Unterdrückung der evangeliſchen Minderheit durch die katholiſche Mehrheit proteſtirt hatten. Seit dem weſtphäliſchen Frieden von 1648 und ſeit dem Regensburger Reichstag von 1665, welcher be im ſeeeennoorpas rüs icoraw⸗ de Geſandten der proteſtantiſchen Stände, eine feſte Vertretung im Reichtage verlieh, wurden ſie amt ich au FEvangeliſche genannt, während die Anhänger des Papſtes den manden Katholiken für ſich behaupteten. 4 geliſche g 4 Anhänger des Papſtes
2) Die weitere Ausbreitung der lutheriſchen Lehre im Reiche kam ſchon ſeit dem Religions⸗ frieden von 1555 ins Stocken. Viele Gemüther, welche zum Uebertritt geneigt waren, wurden durch die wilden und gehäſſigen Streitigkeiten zurückgeſtoßen, welche theils unter den Lutheranern ſelbſt theils zwiſchen dieſen und den Reformirten(Zwinglianern und Calviniſten) geführt wurden. Unter andern waren dieſe Streitigkeiten der Anlaß, daß Kaiſer Max II. katholiſch blieb. Zugleich begann ſich der Einfluß der nach Ingolſtadt und Wien berufenen Jeſuiten zu regen. Zuerſt erreichten ſie eine Gegenreformation bei den Unterthanen der geiſtlichen Fürſten, z. B. auf dem Eichsfeld, im Fuldiſchen, in den Bisthümern Hildesheim und Paderborn; dann auch bei weltlichen Herrn, wie bei den Grafen von Naſſau⸗Hadamar, welche zur katholiſchen Kirche zurückkehrten und ein gleiches bei ihren Unterthanen erzwangen. Am verhängnißvollſten für den lutheriſchen Glauben wurde aber die Wirkſamkeit des Jeſuiten⸗Ordens in Oeſterreich, Böhmen und Schleſien.
In dieſen Ländern hatte der größte Theil des Adels und viele Bürger in den Städten das Wort Gottes angenommen, während das Landvolk und das regierende Haus Habsburg noch katholiſch war und mit dem hohen Clerus am Papſtthum feſthielt. Unter mancherlei Kämpfen behauptete ſich dieſer Zuſtand bis auf Ferdinand II., den ſtreng katholiſchen Schüler der Jeſuiten zu Ingolſtadt und des Beichtvaters Lämmermann(Lamormain). Schon als Erzherzog hatte er in Kärnthen und Steiermark, ſeinen Erblanden, mit rückſichtsloſer Härte und Grauſamkeit das Evangelium ausgerottet. Daſſelbe that er dann als Kaiſer in Oeſterreich und nach der Schlacht auf dem weißen Berge(1620) in Böhmen und Schleſien. Durch Hinrichtungen, Güter⸗Confiskationen und Vertreibung brach er den Widerſtand des Adels, durch die Brutalität und Grauſamkeit der Lichtenſtein-Dragoner den der Bürger in den Städten. Wenn Jemand durch die Mißhandlungen der Soldaten körperlich und geiſtig gebrochen war, ſodaß er nicht mehr wußte, was er that, ließen ihn die Jeſuiten eines Revers unterſchreiben: Ich Endesunterzeichneter bekenne hiermit, daß ich ungezwungen und ungedrungen in den Schooß der alleinſeligmachenden katholiſchen Kirche zurück⸗ gekehrt bin. Wer ſich deſſen weigerte oder ſpäter widerrief, wurde ſeiner Güter beraubt, von ſeinen Kindern getrennt und konnte oft nicht einmal das nackte Leben retten. Die weggenommenen Kinder wurden katholiſch erzogen. Trotz alledem blieben in Böhmen und Schleſien viele heimliche Lutheraner und böhmiſch-mähriſche Brüder unter dem Volke zurück, welche ihren Glauben für beſſere Zeiten bewahrten. Karl XII. von Schweden verſchaffte ihnen 1706 durch ſeine Verwendung beim Kaiſer Joſeph I., einem Gegner der Jeſuiten, einige Erleichterung. Doch erhielten ſie in Sheſie erſ durch Friedrich den Großen und in Böhmen ſogar erſt 1866 nach der Schlacht von Königgrätz wirkliche
eligionsfreiheit.
3) Im übrigen Deutſchland verlor die lutheriſche Kirche mehrere Gebiete durch den Uebertritt der Landesherrn und des Volkes zu einer gemäßigt reformirten Richtung.
Friedrich III. von der Pfalz, ein Verehrer des von ſeinen eignen Glaubensgenoſſen vielgeſchmähten Melanchthon, führte das reformirte Bekenntniß mit ſeinent ſchmuckloſen Gottesdienſt 1560— 62 in ſeinem Lande ein(Heidelberger Katechismus); die Hanſeſtadt Bremen that daſſelbe 1561— 81, das Fürſtenthum Anhalt 1596, die Grafſchaft Naſſau 1582. In Heſſen⸗Caſſel, wo Landgraf Philipp der Großmüthige ſeit 1526 nach gemäßigt lutheriſchen Grundſätzen die Kirche geſtaltet und trotz des mißlungenen Marburger Religionsgeſprächs von 1529 eine regere Verbindung mit den Reformirten im Auge behalten hatte, wurde 1605—7 durch den gelehrten aber calviniſch geſinnten Landgrafen Moritz der Gottesdienſt reformirt eingerichtet, indem die Bilder und Altäre aus den Kirchen entfernt, das Brod beim heiligen Abendmahl gebrochen, die 10 Gebote nach dem Wortlaut der Bibel in den Katechismus Luthers aufgenommen und in der Lehre von den Sacramenten die ſcharf lutheriſchen Ausdrücke verboten wurden. Hierdurch empfing Niederheſſen jenen gemäßigt reformirten Charakter, welchen es im Weſentlichen bis in die neueſte Zeit behalten hat(Katechismus von 1607). Dagegen in Oberheſſen behauptete ſich in Folge des Teſtaments des Landgrafen Ludwig und unter


