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2 (1879)
Entstehung
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und beſonnenen Anhänger der Reform gingen in wichtigen Dingen auseinander; Luther und Zwingli konnten ſich auf dem Religionsgeſpräch zu Marburg 1529 nicht einigen, weil Zwingli das heilige Abendmahl zu einem bloßen Gedächtnißmahl an Chriſti Tod verflüchtigte, während Luther auf Grund der Schrift an dem wirklichen Genuſſe des Leibes und Blutes Chriſti feſthielt. Daneben kämpfte der Adel gegen die Fürſtenmacht, der Bauernſtand gegen die Herrn, die katholiſchen Stände gegen die evangeliſchen. Nicht ſelten ging der Streit der Meinungen und Leidenſchaften mitten durch die Familien; alte Freundſchaften gingen in Haß und Feindſchaft über. Viele vorhandene Rohheit und Unſittlichkeit, welche in den früheren ruhigen Zeiten durch die Macht des Rechts und der Sitte niedergehalten war, trat jetzt rückſichtslos hervor, weil die große Maſſe derer, welche ohne eigne Ueberzeugung nur durch das Herkommen regiert waren, nunmehr meinte Alles wegwerfen zu können, da Papſt und kirchliche Tradition nichts mehr galten. Schwache und feinfühlende Naturen wurden durch Alles dies in hohem Grade geängſtigt. Viele Stimmen aber wurden laut, welche die Schuld der allgemeinen Gährung und Verwirrung auf Luther und auf die Predigt des Wortes Gottes warfen. Es war natürlich, daß Niemand in Europa tiefer von dieſen Bewegungen ergriffen wurde als der Reformator Luther ſelbſt. Schon auf der Wartburg war ſeine Seele ſo ſehr davon erſchüttert, zerrieben und gemartert worden, daß er es nicht mehr ausgehalten hatte und wieder nach Wittenberg gekommen war. Aber das war nur der erſte große Anfang ſeiner Bekümmerniſſe geweſen. Es ſollte immer ärger werden. In alle Kämpfe wurde er hineingezogen, für alle Schwierigkeiten wurde er verantwortlich gemacht, gegen alle Bedrängniſſe wurde er um Rath, That und Für⸗ bitte angegangen. Nach wie vor mußte er der Hauptkämpfer gegen die Angriffe der päpſtlich Geſinnten ſein. Wenn auch Philipp Melanchthon durch ſein Lehrbuch der Theologie(loci theologici, theologiſche Sätze), die erſte evangeliſche Glaubenslehre der Kirche(1521), ſowie durch die Abfaſſung der Augsburger Confeſſion und der Apologie im Jahr 1530 ihm aufs Wirkſamſte zur Seite ſtand, ſo lag doch die Hauptlaſt der Vertheidigung und des Angriffs, des Aus⸗ reutens und Planzens immer auf Luther ſelbſt. Nur in der Kraft ſeines Glaubens, in der mannhaften und doch kindlichen Hingebung ſeines Herzens an den Heiland und im brünſtigen Gebetsumgange mit Gott fand er bei allen dieſen Verwickelungen, Aufregungen und Kämpfen immer wieder Ruhe und Freudigkeit. Auch das Fautilienleben und der ungezwungene Verkehr mit ſeinen Freunden bereitete ihm zuweilen eine Stunde der Erholung. Im Kreiſe der Seinigen, unter Ernſt und Scherz, in eifriger Pflege der Muſik und des Geſanges konnte er die herzliche und tief gemüthliche Seite ſeines Weſens recht entfalten. Aber dies waren immer nur Stunden der Ausſpannung. Im Uebrigen floß ſein Leben in einer unglaublich vielſeitigen und aufreibenden Thätigkeit hin; gar manchmal lag die Koth der Kirche wie eine Bergeslaſt auf ſeiner Seele; zuweilen kam er ſich ſo allein und verlaſſen in dieſer Welt vor, daß ihn das Verlangen nach der ewigen Ruhe beim Herrn mit ſchmerzlicher Sehnſucht bewegte. Ueber die Rohheit und Rückſichtsloſigkeit des großen Haufens, welche ihm bei den Bürgern und Studenten in Wittenberg nur zu oft entgegentrat, war er einmal ſo bekämmert, daß er die Stadt verließ und nur durch das ernſte Verſprechen der Beſſerung zur Rückkehr bewogen werden konnte. Unter Vorahnungen ſchwerer göttlicher Gerichte ſah er ſo das Jahr 1545 und mit ihm ſeine Lebenskraft zu Ende gehen. Krank und gebrochen folgte er noch Anfang 1546 der Einladung der Grafen von Mannsfeld, ſeiner Landesherrn, um einen Streit über die Bergwerke bei Eisleben zwiſchen ihnen zu ſchlichten; aber zu Eisleben ereilte ihn der Tod. Als Luther am 18. Februar ſein Ende kommen fühlte, betete er mit lauter Stimme:Ich danke dir Goit, du Vater unſeres Herrn Jeſu Chriſti, du Gott alles Troſtes, daß du mir deinen lieben Sohn haſt geoffenbaret, den ich geliebet, den ich gepredigt, bekannt und gelobt habe, den der Papſt und alle Gottloſen ſchmähen und läſtern. Mein Herr Jeſu Chriſte, laß dir mein Seelein empfohlen ſein! O himmliſcher Vater, ich weiß, ob ich ſchon von dieſem Leib hinweggeriſſen werde, daß ich bei dir ewig werde leben. Alſo hat Gott die Welt geliebet, daß er ſeinen Eingeborenen Sohn gab, auf daß alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, ſondern das ewige Leben haben. Wir haben einen Gott, der da hilft, und den Herrn Herrn, der vom Tode errettet. Und als ihn ſein langjähriger Freund Dr. Jonas fragte: Allerliebſter Vater, wollt ihr auch auf euern Herrn Jeſum Chriſtum ſterben und die Lehre, ſo ihr in ſeinem Namen gepredigt, bekennen? antwortete er noch einmal laut und kräftig: Ja. Dann verſchied er. In der Schloßkirche zu Wittenberg wurde er begraben.

13) Unter den Genoſſen und Mitarbeitern, welche ihn überlebten, war der bedeutendſte Philipp Melanchthon. Geboren zu Bretten am 10. Februar 1497 als der Sohn des Waffenſchmiedes Georg Schwarzert und als Großneffe Johann Neuchlins empfing er ſeine erſte Ausbildung nach des Vaters frühem Tod in Pforzheim, ſtudirte darauf in Heidelberg und Tübingen, ſchrieb mit 16 Jahren ſeine griechiſche Grammatik, wurde mit 17 Jahren Magiſter, Doctor der Philoſophie und Profeſſor, folgte 1519 dem Rufe nach Wittenberg und ſchloß ſich ſeit der Disputation zu Leipzig feſt an Luther an. Der Ruf ſeiner Gelehrſamkeit zog Tauſende von Studenten, worunter auch viele ältere Männer, nach Wittenberg. Durch ihn empfing die Lehre Luthers ihre erſte wiſſenſchaftliche Ausbildung; durch ihn wurde auch das Studium der alten Sprachen im proteſtantiſchen Deutſchland unzertrennlich mit dem Cvangelium verknüpft. Mit Necht wurde er deßhalb der Lehrer Deutſchlands(praeceptor germaniae) genannt. Nach Luthers Tod war aber die ſchönſte und geſegnetſte Wirkſamkeit Melanchthons zu Ende. Der Schmalkaldiſche Krieg, die Gefangennahme und Abſetzung des Kurfürſten, der Haß fanatiſcher Lutheraner ſowie vielerlei häusliches Kreuz verzehrten die Kraft des zarten Mannes. Am weheſten that ihm der Haß ſeiner eigenen Glaubens⸗ genoſſen, als er auf Anregung des Kurfürſten Moritz und theilweiſe nach den Wünſchen Karls V. das ſogenannte Leipziger Interim angenommen hatte, wonach vorläufig und bis zur Entſcheidung eines allgemeinen Concils mehrere katholiſche Gebräuche im lutheriſchen Gottesdienſt beibehalten werden ſollten, während die Lehre rein evangeliſch blieb. Melanchthon ſtarb 19. April 1560..

Aehnlich wie Melanchthon litt unter dieſen Streitigkeiten Luthers Freund und Beichtvater Johann Bugen⸗ hagen, gewöhnlich Pommeranus oder Dr. Pommer genannt. Geboren zu Wollin 1485 wurde er 1521 durch die Schrift LuthersVon der babyloniſchen Gefangenſchaft der Kirche zum Evangelium gebracht. Als er die erſten Seiten des Büchleins geleſen hatte, rief er erſchrocken aus: Es ſind zwar ſeit Chriſti und der Apoſtel Zeit viel Ketzer geweſen, aber ein größerer als der dies Buch Pmacht hat iſt nicht aufgekommen! Als er dagegen zu Ende war, ſprach er: Was ſoll ich ſagen? Die ganze Welt liegt in Finſterniß; nur diefer eine Mann kennt die