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5) Im erſten Augenblick war dieſe Wendung der Disputation für Luther ſelbſt eine peinliche; denn in den Augen ſeiner Gegner war er durch dieſelbe als Ketzer erwieſen und ſeine Sache ſchien verloren. Allein im Bewuſtſein ſeines guten Rechts ermannte er ſich nicht nur bald wieder, ſondern konnte auch auf dem neu gefundenen Grunde nun deſto feſter auftreten. Von dem gewonnenen freien Standpunkte aus blickte er ſchärfer in das Verderben der Kirche hinein als vorher. Seine gewaltige, reformatoriſche Natur konnte ſich ungehemmter geltend machen. Während bis dahin durch den Reſpekt vor Papſt und Kirche immer noch ein gewiſſer Druck auf ſeiner Seele gelaſtet und deren freie Bewegung gehindert hatte, ſo brachen nun die Tiefen ſeines innern Lebens auf wie ein zurückgehaltener Strom. Luthers Auftreten bekam etwas königliches, bahnbrechendes, fortreißendes. Hochbegabte Männer und Jünglinge ſchloſſen ſich ihm an, unter ihnen beſonders Philipp Melanchthon, der Lehrer Deutſchlands(praeceptor Germaniae), der gelehrte Wortführer der Reformation. Eine neue und höhere Entwickelung der Kirche wurde angebahnt. Zunächſt offenbarte ſich dies für Jedermann in drei auf einander folgenden reformatoriſchen Schriften im Jahr 1520. In der Schrift An den chriſtlichen Adel deutſcher Nation von des chriſtlichen Standes Beſſerung bekämpfte er vor Allem das Papſtthum wegen ſeiner Ueppigkeit, Habgier und Herrſchſucht, forderte die Abſchaffung des katholiſchen Kirchen⸗Rechts, des gezwungenen Cölibats, der Appellationen nach Rom, des Heiligendienſtes und der weltlichen Macht der Päpſte, drang auf Beſſerung der Univerſitäten und Kloſterſchulen und auf Hebung des Volksunterrichts und verlangte eine größere Selbſtſtändigkeit der deutſchen Kirche gegenüber der Curie. In der Schrift Von der babyloniſchen Gefangenſchaft der Kirche verwarf er bereits das Papſtthum übverhaupt, beſtritt die Lehre von der Brodverwandlung, die Siedenzahl der Sacramente, die Geltung der Menſchenſatzungen und Mönchsgelübde und hob die alleinſeligmachende Kraft des Glaubens hervor. In dem Büchlein endlich Von der Freiheit eines Chriſtenmenſchen zeigte er im Sinne St. Pauli die innere Herrlichkeit, Freiheit, Liebe und Demuth des an Chriſtum glaubenden Herzens, welches in allen Dingen Gott und dem Nächſten dienen will.
.6) Gegen den mächtigen Eindruck dieſer Schriften richtete die Verkündigung des päpſtlichen Bannes nichts mehr aus; das deutſche Volk war durchweg auf Luthers Seite. Am 10. December 1520 konnte er es wagen, die Bannbulle mit dem kanoniſchen Recht öffentlich zu verbrennen. Am 17. und 18. April 1521 durfte er gegen den Proteſt des päpſtlichen Legaten Aleander, unter freiem Geleit des Kaiſers und unter tiefſter Bewegung der ganzen Nation ſeinen Glauben vor dem Reichstage zu Worms bekennen. Innerlich bereit, wenn es ſein müßte, wie Huß zu ſterben, bezeichnete er ſcharf und feſt ſeine kirchliche Stellung in den Schlußworten ſeiner Vertheidigung:„Es ſei denn, „daß ich mit Zeugniſſen der heiligen Schrift oder mit öffentlichen, hellen und klaren Gründen überwunden und über⸗
„wieſen werde,— denn ich glaube weder dem Papſt noch den Concilien allein nicht, weil am Tage iſt, daß ſie oft „geirrt und ſich ſelbſt wiederſprochen haben, und alſo mein Gewiſſen in Gottes Wort gefangen iſt,— ſo kann und
„will ich nichts widerrufen, weil weder ſicher noch gerathen iſt etwas wider das Gewiſſen zu thun. Hier ſtehe i „ich kann nicht anders, Gott helfe mir! Amen.“ 4 Be ic,
7) Auf der Wartburg, wo Luther in der Stille unter dem Namen Junker Georg gegen die Acht des Kaiſers eine Zuflucht fand, begann er eins ſeiner größten Werke, die neuhochdeutſche Uverſetung der heiligen Schrift aus dem griechiſchen und hebräiſchen Grundtext, welche er unter dem Beiſtande Philipp Melanchthons, Johann Bugenhagens, Caspar Crucigers und anderer Gelehrten im J. 1534 vollendete. Das neue Teſtament erſchien dereits 1522 und wurde als eine heilige Gottesgabe vom deutſchen Volke aufgenommen. In der That waren die Vorzüge dieſer Bibelüberſetzung ganz außerodentliche und bleibende. Sie übertraf nicht nur an Genauigkeit und Richtigkeit alle früheren Ueberſetzungen, insbeſondere die der Septuaginta aus dem 2. Jahrhundert vor Chriſto und die in der abendländiſchen Kirche allein gebräuchliche Vulgata; ſie war auch nicht bloß unter den vielen ſchon vor⸗ handenen deutſchen Ueberſetzungen die erſte aus dem Grundtext geſchöpfte und wirklich verſtändliche, ſodaß ſie ein Volksbuch im höchſten Sinne werden konnte; ſondern, was faſt die Hauptſache war, der Geiſt der Propheten und Apoſtel hatte den Ueberſetzer ſelbſt in den Tiefen ſeiner Seele ergriffen und verlieh dem Werke eine Innigkeit, Kraft und Weihe, wie ſie keine ſpätere deutſche Ueberſetzung erreicht hat. Durch dieſe Bibelüberſetzung wurde Luther für das deutſche Volk ein Prediger des Evangeliums wie keiner vor ihm und nach ihm; durch ſie begründete er für die ober⸗ und niederdeutſchen Stämme eine gemeinſame Schriftſprache und Literatur; durch ſie legte er den Weunnd auf welchem in ſpäterer Zeit die deutſche Sprache und Dichtung die Höhe der klaſſiſchen Vollendung finden konnte.
8) Nicht weniger ſchöpferiſch für den Glauben und für die Sprache des deutſchen Volkes erwies ſich Luther durch ſeine gewaltigen Lieder. Unterſtützt von Männern, wie Paul Speratus, evang. Biſchof in Preußen(Es iſt das Heil uns kommen her), Nikol. Decius, Prediger in Stettin(Allein Gott in der Höh ſei Ehr, O Lamm Gottes unſchuldig), Nikolaus Herrmann, Cantor im Joachimsthal(Lobt Gott ihr Chriſten alle gleich, Erſchienen iſt des herrlich Tag, Wenn mein Stündlein vorhanden iſt), Johann Mattheſius, Pfarrer im Joachimsthal(Aus meines Herzens Grunde), Nikolaus Selnekker, Profeſſor in Leipzig(Ach bleib bei uns Herr Jeſu Chriſt, Laß mich dein ſein und bleiben), Ludwig Helmbold, Superintendent in Mühlhauſen(Von Gott will ich nicht laſſen), rief Luther das evangeliſche Kirchenlied ins Leben. Nicht bloß die eignen Gedanken und Empfindungen ſprach er im Liede aus, ſondern die der ganzen Kirche; auf der einen Seite das Gefühl der Sünde, der Schuld, der Untüchtig— keit zum Guten, der Vergeblichkeit aller Werke, der Todesnoth, der Angſt des Gerichts, auf der andern Seite die Gewißheit des Heils im Glauben an Chriſtum, den Gekreuzigten, Auferſtandenen und Erhöhten, und die ſelige Freude des Sieges über Sünde, Tod, Welt, Teufel und Hölle. Der Form der Lieder merkt man an, daß Luther die für die Dichtkunſt noch wenig ausgebildete Sprache erſt in das Versmaß und in den Reim zwingen mußte; der Ausdruck wurde hierdurch nicht ſelten hart und ſchwerfällig, immer aber großartig und ergreifend, zuweilen auch milde und lieblich, je nachdem es der Inhalt mit ſich brachte.— Die Lieder Luthers waren a) theils freie Umdichtungen von Schriftſtellen, z. B. Ach Golt vom Himmel ſieh darein von Pſ. 12, Eine feſte Burg von Pſ. 12, Aus tiefer Noth von Pſ. 130;— b) theils Bearbeitungen lateiniſcher Hymnen, z. B. Herr Gott dich loben wir(nach dem Te deum des Ambroſius), Wir glauben all an Einen Gott(nach Ambr.), Verleih uns Frieden gnädiglich(nach einem Lied des


