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§. 36. Martin Luther und die Begründung der lutheriſchen Kirche.
1) Martin Luther, des Bergmanns Hans Luthers Sohn, geb. zu Eisleben 10. Nov. 1483, getauft 11. Nov. (Vgl.§. 20, 1), von Natur lebhaft und thatkräftig, aber von ſeiner Mutter, einer geborenen Lindemann, äußerſt ſtreng in katholiſcher Frömmigkeit erzogen, fühlte ſchon als Knabe die Schrecken ſeiner Sündenſchuld gegenüber dem heiligen Gott tiefer als Millionen andere Menſchen. Vor ſeinem kindlichen Gemüthe ſtand der Heiland nur als Welten⸗ richter, nicht als Erlöſer der Verlornen. Die Angſt um ſeine Seligkeit trieb ihn in Erfurt, wo er ſeit 1501 die Claſſiker und die Rechte ſtudirte, erſt in die mittelalterliche Theologie und in die lateiniſche Bibel, dann, als eine ſchwere Krankheit, der plötzliche Tod ſeines Freundes Alexius und ein furchtbares Wetter ihm Tod und Gericht vor Augen ſtellten, 1505 gegen den Willen ſeines Vaters und gegen den Rath ſeiner Freunde in das dortige Auguſtiner⸗ kloſter. Er ſelbſt bekennt: Meiner Mutter Ernſt und das geſtreng Leben, das ſie mit mir führte, das ver⸗ urfachte mich, daß ich darnach in ein Kloſter lief und Mönch wurde. Aber umſonſt quälte er ſich als Mönch mit peinlicher Verrichtung aller vorgeſchriebenen Werke und Büßungen. Wiederholt mußte er unter dem Druck ſeiner Sündenſchuld klagen: O meine Sünde, Sünde, Sünde! Erſt die Erinnerung eines alten Mönchs an die Worte des 3. Artikels: Ich glaube eine Vergebung der Sünden, und die Mahnung ſeines Obern Johann von Staupitz an das Wort Gottes(1. Joh. 1, 7): Das Blut Jeſu Chriſti macht uns rein von aller Sünde, gab ſeinem Herzen einigen Troſt. Aus dem eifrigen Studium der Schrift, beſonders des Römer und Galaterbriefs, welchem er ſich nach ſeiner Prieſterweihe 1507 hingab, ſowie aus den Werken Auguſtins und Taulers(Vgl.§. 16, 9) ging ihm endlich die Gewißheit auf, daß der Menſch nur aus Gnaden, ohne eigne Werke oder Verdienſte, durch den Glauben an Chriſtum ſelig wird. In dieſer Ueberzeugung meinte Luther erſt ganz auf dem Boden der katholiſchen Kirche zu ſtehen, deren Lehre er bisher nicht verſtanden habe..
2) Nachdem er 1508 als Profeſſor der Philoſophie und als Schloßpfarrer an die 1502 gegründete Univerſität Wittenberg berufen war, verkündigte er daher in Vorleſungen und Predigten die Rechtfertigung aus dem Glauben als katholiſche Lehre. Die dienſtliche Reiſe nach Rom im Jahr 1514, auf welcher er die gottloſe Frivolikät der römiſchen Prieſter kennen lernte, ſtörte ihn noch nicht in ſeiner andächtigen Hingabe an Papſt und Kirche. Nur im tiefſten Grunde ſeiner Seele regte ſich bereits das evangeliſch gewordene Bewuſtſein, indem ihm beim gehorſamen Hinaufrutſchen auf der Pilatustreppe eine Donnerſtimme(Röm. 1, 18) zurief: der Gerechte wird ſeines Glaubens leben. Von dieſer tröſtlichen Wahrheit ganz erfüllt leiſtete er 1512 ſeinen Doctoreid auf treue Verkündigung des Wortes Gottes. In meinem Herzen, ſchrieb er, herrſcht allein und ſoll allein herrſchen der Glaube an meinen Herrn Jeſum Chriſtum, der Tag und Nacht allein Anfang, Mittel und Ende aller Gedanken meines Geiſtes iſt.
3) Um ſo tiefer verletzte ihn unter dieſen Umſtänden das freche Auftreten des Ablaßkrämers Johann Tetzel. Papſt Leo X., ein feingebildeter und kunſtliebender Herr aus dem Hauſe Medici, aber kein Seelenhirte der Chriſtenheit, hatte unter dem Vorwand eines Kreuzzugs gegen die Türken, doch in Wirklichkeit zur Erbauung der Peterskirche und zur Ausſtattung ſeiner Schweiſter ſeit 1516 den Ablaß predigen laſſen und denſelben für Deutſchland gegen die Hälfte des Ertrags an Kurfürſt Albrecht von Mainz verpachtet, um dieſen für 20000 Goldgulden Palliengelder zu entſchädigen, welche nach Rom gefloſſen waren. Johann Tetzel, ein gewiſſenloſer, früher ſchon einmal zum Tode verurtheilter, aber durch ſeinen Orden geretteter Dominikaner verkaufte nun im Dienſt des Kurfürſten den Ablaß. Als ſtolzer Prälat, bei glänzendem Gehalt, unter zahlreicher Bediennng, begrüßt von Proceſſionen und Glockengeläut ertheilte er neben den Altären der Kirchen und unter der entfalteten päpſtlichen Fahne für Geld und nach einer feſten Taxe Ablaß für ver⸗ gangene und zukünftige Sünden, ſo bald ihm gebeichtet war. Auch in die Nähe von Wittenberg kam er mit ſeinem ſchnoͤden Handel und verführte eine große Menge Menſchen. Erſchrocken und erzürnt über dieſes ſeelengefährliche Treiben wandte ſich Luther Anfangs um Hülfe bittend an Kurfürſt Albrecht und andere Biſchöfe. Als er aber keine oder nur höhniſche Antworten erhielt, zwang ihn ſein geängſtetes, aber in Gottes Wort gebundenes Gewiſſen zu einer öffentlichen That. Als Hoetor der Theologie und als Seelſorger ſeiner Gemeinde ſchlug er am Tage vor Aller Heiligen, dem 31. Oct. 1517, ſeine 95 Theſen gegen den Ablaß an die Schloßkirche zu Wittenberg und erbot ſich zur öffentlichen Vertheidigung derſelben gegen Jedermann.
4) Gewaltiger als er ſelbſt ahnen konnte war die Wirkung ſeiner Theſen in der Chriſtenheit; mit Blitzesſchnelle durchflogen ſie Deutſchland und Europa; Millionen gaben dem kühnen Glaubenshelden recht; aber auch mächtige und unverſöhnliche Gegner, vor Allem die Dominikaner zu Cölln, ſtanden gegen ihn auf. Es war eine göttliche Fügung, daß Luthers Landesherr, Kurfürſt Friedrich der Weiſe, ein frommer und ſtaatskluger Herr, ſchon vorher den Ablaß in ſeinem Land verboten hatte und ſich über Luthers Auftreten freute. Er verlangte als Reichsverweſer vom römiſchen Hof eine unpartheiiſche Prüfung der Sache durch deutſche Biſchöfe. Allein die friedlichen Verhandlungen, welche in Folge deſſen angeknüpft wurden, konnten unmöglich zum Ziel führen, da Luther trotz aller ſeiner Ehrfurcht vor dem Papſt doch nur dann wiederrufen konnte und wollte, wenn er aus Gottes Wort von der Unrichtigkeit ſeiner Sätze überzeugt würde. Aergerlich über Luthers beſtändige Berufung auf Gottes Wort äußerte daher der Cardinal von Gaëta, Thomas de Vio, welcher 1518 in Augsburg mit dem Reformator verhandelte, er wolle mit der deutſchen Beſtie, die ſo tiefe Augen und wunderliche Gedanken im Kopfe habe, nicht weiter reden. Noch klarer und für Luther ſelbſt entſcheidender wurde der Gegenſatz auf der Disputation zu Leipzig 1519. Hier wurde Luther gegen ſeinen Willen und gleichſam erſchreckend über ſich ſelbſt zu der von ſeinem Gegner Dr. Eck gewünſchten Behauptung fortgeriſſen, daß Papſt und Concilien in Glaubensſachen irren könnten und geirrt harten und daß nur Gottes Wort Artikel des Glaubens ſtellen könne. Mit dieſer Behauptung wurde m Bewuſtſein Luthers die völlige Losſagung von Nom grundſätzlich und unwiederbringlich entſchieden; die Auktorität des Papſtes und der kirchlichen Tradition wurde für ihn lhebe hen; eine ganz neue und doch die einzig wahrhafte Auktorität der Kirche wurde auf den Leuchter geſtellt, das Wort des lebendigen Gottes.


