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2 (1879)
Entstehung
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betrachtet wurden, welche man ſcheeren und ſchinden dürfe zum Vortheil Italiens. Der berechtigte Zorn über dieſe Mißhandlung Deutſchlands durch den römiſchen Hof machte ſich im Jahr 1523 auf dem Reichsberg zu Nürnberg in den bekannten Hundert Beſchwerden der deutſchen Nation(Centum gravamina nationis germanicae) in kräftiger Weiſe Luft.

4) Durch ihre politiſchen Sünden gegen Deutſchland hatte die Curie zudem ſelbſt dafür geſorgt, daß hier eine Neform der Kirche verhältnißmäßig leichter begonnen und durchgeführt werden konnte als ſonſt irgend wo. Denn durch die ſyſtematiſche Politik der Päpſte ſeit Gregor VII. war die Macht des deutſchen Königthums zu Gunſten der Stände untergraben. Der König, bzw. der Kaiſer war genöthigt, ſich den politiſchen Beiſtand der Fürſten und Städte durch Nachgiebigkeit auf kirchlichem Gebiet zu erkaufen. Selbſt ein ſolcher Kaiſer wie Karl V., der für ſeine Perſon an der katholiſchen Tradition unbedingt feſthielt, mußte deßhalb in einzelnen deutſchen Ländern dem Worte Gottes ſeinen Lauf laſſen und die evangeliſche Einrichtung des Kirchenweſens geſtatten, ſo ſchwer ihm dies bei ſeiner katholiſchen Geſinnung wurde.

5) Trotz alledem würde es nicht zu einer wirklichen Erneuerung der Kirche auf Grund des göttlichen Worts, ſondern nur zu einer ſtarken kritiſchen und proteſtirenden Völkerbewegung gegen Rom, vielleicht ohne bleibenden Erfolg, gekommen ſein, wenn nicht der Herr, der Seiner Gemeinde die erlöſende Wahrheit für die Menſchheit anvertraut hatte, Sich in der Stille einen geiſtesgewaltigen Mann erzogen hätte, welcher aus den tiefſten innern Kämpfen heraus die Unzulänglichkeit aller Werke und Büßungen für den Frieden des Gewiſſens bezeugen und die Wahrheit des Evangeliums von der Rechtfertigung des Sünders aus dem Glauben hätte auf den Leuchter ſtellen können. Denn in der Kirche des Herrn kann niemals durch bloße Bekämpfung des Irrthums und des Unrechts ein neues Leben erweckt werden, ſondern allein durch die weltüberwindende und todesmuthige Verkündigung des ewigen Wortes von Chriſto. Erſt durch das Auftreten Martin Luthers empfing daher die kirchliche Bewegung des 16. Jahrhunderts den Charakter einer wirklichen Reformation aus Gottes Wort.

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§. 35. Die Grundſätze und das Gebiet der Reformation.

1) Nach Luthers Vorgang und unter tiefer Erregung der Gemüther erklärte der Theil der abendländiſchen Chriſtenheit, welcher die Reformation annahm, die heilige Schrift mit Ausſchluß der Apokryphen für die alleinige Erkenntnißquelle der göttlichen Wahrheit(formales Princip der Ref.), verwarf mehr oder weniger das Recht der kirchlichen Tradition, wurde deßhalb durch Papſt und Hierarchie in den Bann gethan, d. h. von der bisherigen Kirche des Abendlandes ausgeſchloſſen, und ſah ſich ſo gezwungen, ſelbſtſtändige evangeliſche Landeskirchen auf Grund des Wortes Gottes einzurichten. bi T zut ders Weh w

bwohl unter ſich in Bekenntniß, Gottesdienſt und Verfaſſung verſchieden, waren dieſe auf dem Worte Gottes ſegende wohd antereſ nod darin einig, daß ſie mit den Apoſteln des Herrn ſämmtlich die Nechtfertigung des Sünders durch den Glauben lehrten(materiales Princip der Ref.), nur zwei Sacramente(Taufe und Abendmahl) anerkannten, die kirchliche Lehre von der Dreieinigkeit Gottes, von der Gottheit Chriſti, von der Verſöhnung und Erlöſung der Welt, vom Geſetz des Herrn beibehielten ihren Gottesdienſt in der jeweiligen Landesſprache ſtatt in der lateiniſchen hielten und eine innigere Verbindung der göttlichen Wahrheit mit dem Herzensleben der Völker erſtrebten.

2) Im Ganzen waren es drei verſchiedene und ſelbſtſtändige Formen(Typen), in welchen ſich das evangeliſche Chriſtenthum entfaltete, nämlich die lutheriſche, reformirte und engliſche Kirche; ihr Gebiet war das mittlere und nördliche Europa.

a) Die evangeliſch⸗lutheriſche Kirche orgsniſirte ſich von Mitteldeutſchland(Kurſachſen) aus nach Norden in ſämmtlichen Oſtſee⸗Ländern, Schleswig⸗Holſtein, Dänemark, Norwegen, Schweden, Finnland, Livland, Eſtland, Kurland, Oſt- und Weſt⸗Preußen, Pommern, Oldenburg, Mecklenburg, den Hanſeſtädten; nach Oſten in Brandenburg, dem Herzogthum Sachſen, Schleſien, Theilen von Ungarn und Siebenbürgen; nach Weſten in Heſſen, den Braun⸗ ſchweigiſchen Herzogthümern und in Frankfurt; nach Süden in Ansbach und Baireuth, in Nürnberg, in Würtemberg, in Straßburg und andern Reichsſtädten, vorübergehend auch in Oeſterreich.

b) Die evangeliſch⸗reformirte Kirche verbreitete ſich von Zürich und noch mehr von Genf aus über den größten Theil der Schweiz, über Theile von Frankreich, über die Pfalz, über Theile von Heſſen und Rheinland, über Holland, über Oſtfriesland, über Schottland und über Theile von Ungarn und Siebenbürgen.

c) Die(katholiſch genannte) Kirche von England(catholic church, etablished church of England) befeſtigte ſich vorzugsweiſe in England, theilweiſe auch in Schottland und Irland, ſpäter auch in den engliſchen Colonien.

3) Die übrigen abendländiſchen Völker, beſonders die romaniſchen, nämlich Italien, Spanien, Portugal, zwei Dritttheile von Frankreich, der ſüdliche Theil der Niederlande(Belgien), Irland, die geiſtlichen Herrſchaften in Deutſch⸗ land(Mainz, Trier, Cölln, Fulda u. ſ. w.), Baiern, Oeſterreich mit Böhmen und dem größten Theil von Ungarn blieben unter der Herrſchaft des Papſtes und der kirchlichen Tradition, erfuhren aber gleichwohl eine Art Reformation, welche von den Jeſuiten in Spanien und den Theatinern in Italien ausging, auf dem Concil von Trident ihren Abſchluß fand und den Katholicismus auf ſeinen alten Grundlagen in Lehre und Leben befeſtigte, ſodaß er ſich zu heftigem Kampfe gegen die evangeliſche Kirche ermuthigt fühlte.

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