Druckschrift 
2 (1879)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

24

Böhmen, Mähren, Polen und Schleſien ausbreiteten, unter ihren Biſchöfen, Aelteſten und Diakonen eine feſte Kirchen⸗ zucht bewahrten, ums Jahr 1524 durch Paul Speratus mit Luther und mit der Reformation in Beziehung traten und 1722 durch Niederlaſſung eines Theils ihrer Mitglieder auf dem Hutberge dem Grafen Nikolaus Ludwig von Zinzendorf die Gelegenheit gewährten, durch ihre Verbindung mit Lutheranern und Reformirten, aber auf Grund der Augsburger Confeſſion, die chriſtlich-ſociale Bruder-Unität mit ihrem innigen Glaubensleben, ihrem feſten Abſchluß nach Außen und ihren großartigen Liebeswerken(beſonders in der Heidenmiſſion) zu gründen.

Dreizehnter Abſchnitt.

Die Reformation in Deutſchland und die lutheriſche Kirche. §. 34. Der kirchliche Zuſtand des Abendlandes im Anfang der Reformation.

1) Als das 16. Jahrhundert anbrach, waren die treugemeinten Verſuche, welche Petrus Waldus, Johann Wicliffe und Johann Huß nacheinander gemacht hatten, um die Kirche durch Gottes Wort von ihren ſittlichen Schäden und von der Uebermacht der Traditionen zu befreien, mit Ausnahme der kleinen Erfolge, welche die Waldenſer, Calixtiner und böhmiſch⸗mähriſchen Brüder erreicht hatten, ſpurlos vorübergangen(Vgl.§. 32, 33). Nicht nur ſtand das Papſtthum und mit ihm die geſammte kirchliche Traditon in ungebrochener Geltung, ſondern nach dem gänzlichen Mißlingen der Concilien von Conſtanz und Baſel war auch das ſittliche Verderben der Curie, des Clerus und der Mönchsorden noch ärger als vorher geworden. Im ganzen Abendland war daher die Achtung vor Clerikern und Mönchen geſunken; weit und breit war gegen ſie die Stimmung zu finden, welche der Vater Martin Luthers mit den Worten auszudrücken pflegte, in jeder Mönchskutte ſtecke ein Schalk.

2) Zudem war der Blick für die dunkeln Seiten des damaligen kirchlichen Lebens bei den Gebildeten in Italien, Deutſchland, Frankreich und England ſehr geſchärft durch die wieder auflebende Bekanntſchaft mit dem griechiſch⸗ römiſchen Alterthum und mit dem Neuen Teſtament. Byzantiniſche Gelehrte, welche ſeit der Eroberung Konſtantinopels im Jahr 1453 nach Rom und Florenz geflüchtet und dort freundlich empfangen waren, hatten das Studium der klaſſiſchen, beſonders der griechiſchen Literatur mächtig angeregt. Eine ganz neue Geiſtesrichtung hatte ſich aus dieſen klaſſiſchen Studien entwickelt, der ſogenannte Humanismus oder die Nenaiſſance. Man lebte und webte in den Philoſophen und Dichtern der Alten; man ſchrieb und ſprach ein elegantes Latein; man ſpottete über die Unbehülflich keit der mittelalterlichen Schulbildung. In Italien, wo ohnehin die Religion ſchon längſt nicht viel galt, nahm man ſogar offen den heidniſchen Unglauben an und gefiel ſich in den freieſten Sitten. Etwas ernſter waren die Humaniſten in Deutſchland, beſonders der gelehrte Kenner des Hebräiſchen und Oheim Philipp Melanchthons Johann Neuchlin (Capino), der Vertheidiger einer gründlichen theologiſchen Sprachwiſſenſchaft gegen die Barbarei und Verketzerungsſucht der Cöllner Dominikaner(1455 1522). Ihm zur Seite ſtand der ritterliche, patriotiſche und geiſtvolle, wenn freilich auch leichtſinnige Ulrich von Hutten, vielleicht der Urheber der bedeutendſten Satire auf das heruntergekommene Mönchthum, der Briefe der Dunkelmänner(Epistolae obscurorum virorum)], jedenfalls aber ein heftiger Gegner der entarteten Kirche und ein muthiger Vertheidiger der Reformation. Alle wurden durch umfaſſende Gelehrſamkeit und literariſche Verdienſte, wie z. B. durch Herausgabe der Claſſiker und des griechiſchen Neuen Teſtaments über⸗ troffen von Erasmus von NRotterdam(1465 1536). Er beſonders war es, der die kirchliche Tradition mit den Waffen der Wiſſenſchaft und des Witzes nach den verſchiedenſten Seiten hin angriff. Doch wußte er ſich immer wieder mit der Hierarchie zu verſtändigen...

3) Das Bedürfniß nach einer Neformation wurde unter ſolchen Umſtänden ziemlich allgemein und ſelbſt in den Kreiſen des Clerus empfunden. Am wenigſten wohl in Spanien. Hier war die begeiſterte Anhänglichkeit an den katholiſchen Glauben und an das Papſtthum mit dem ganzen Leben der Nation verwachſen. Seit dem Jahre 711, wo die Araber das weſtgothiſche Reich geſtürzt hatten, war das ſpaniſche Volk zuerſt Jahrhunderte hindurch in einem Vertheidigungskrieg für das Kreuz gegen den Halbmond und dann in einem Angriffskrieg hegriffen geweſen. In dieſen Kämpfen für die katholiſche Kirche war es erſtarkt und groß geworden. Seine Seele war daher erfüllt von katholiſchen Anſchauungen und von glühendem Haſſe gegen deren Beſtreiter. Das unmenſchliche und unchriſtliche Inſtitut der Inquiſition war hier faſt populär. An eine Reform des kirchlichen Lebens dachte daher kaum Jemand. Anders dagegen war es im übrigen Abendland. Sogar am päpſtlichen Hofe fühlte man, daß es auf dem bisherigen Wege nicht weiter gehen könne; wie vielmehr in Frankreich, England und Deutſchland! In letzterem Lande war der Groll über die Anmaßungen und Erpreſſungen der Curie am größten. Kein Land Europas hatte der katholiſchen Kirche eine ſo glänzende Stellung in ſeiner Mitte gegeben als das deutſche Reich. Ihre Würden⸗ träger waren die vornehmſten Fürſten der Nation. Kein Land aber war von der Curie mit einem ſo planmäßigen politiſchen Haſſe geſchwächt worden, keins durch Palliengelder, Annaten, Abläſſe, Reſervaten und andere Geldzahlungen ſo ſchnöde ausgebeutet worden als das deutſche Reich. Die geiſtlichen und weltlichen Stände des Reichs wußten recht gut, daß ſie in den Augen des römiſchen Hofs und der Italiener überhaupt ſchon ſeit alter Zeit nur als Beſtien