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2 (1879)
Entstehung
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§. 33. Die Reformationsverſuche des Mittelalters vom Standpunkt der heiligen Schrift aus. Petrus Waldus. Johann Wieliffe. Johann Huß.

. 1) Petrus Waldus und die Waldenſer. Ende des 12. und Anfang des 13. Jahrhunderts entſtand im ſüdlichen Frankreich eine ernſte Reformbewegung, welche von der Frage ausging, Was muß ich thun, daß ich ſelig werde? Sie wurde angeregt durch den frommen Kaufmann Petrus Waldus zu Lyon. Um das Jahr 1170 ſa derſelbe mit einem Kreis von Freunden bei einem fröhlichen Feſtmahl zuſammen, als plötzlich einer aus der Geſellſchaft todt niederfiel. Der furchtbare Gegenſatz zwiſchen Lebensluſt und Todesſchrecken, welcher ſich allen Verſammelten auf⸗ drängte, erfaßte die ganze Seele des gottesfürchtigen Kaufmanns und ließ ihn von nun an nichts mehr ſuchen als ſeine Seligkeit. Um den göttlichen Willen unmittelbar und ſicher kennen zu lernen, ließ er durch einen gelehrten Prieſter die heilige Schrift ins Provencaliſche überſetzen und verſenkte ſich in deren Studium. Von dem heiligen Bilde des armen Lebens Jeſu und ſeiner Jünger tief ergriffen fühlte nun Petrus Waldus um ſo ſchmerzlicher das ſtolze und weltförmige Treiben der damaligen Biſchöfe und Prieſter. Um ſo ernſtlicher aber wollte er ſelbſt durch Armuth, Demuth und Liebe in die Fußtapfen des Hernn treten. Wie Antonius von Theben und Franz von Aſſiſi glaubte er das arme Leben des Herrn und ſeiner Jünger buchſtäblich nachahmen zu müſſen(Matth. 19, 21). Er verkaufte daher ſeine Güter, warf das Geld den Armen auf die Straße und zog Buße und Glaube predigend umher. Aus ſeinen Zuhören und Schülern, mit welchen er die Schrift fleißig las, bildeten ſich kleine Gemeinden; aus dieſen wurden wieder Sendboten zu zwei und zwei mit Sandalen an den Füßen in die Welt geſendet; das Volk nannte ſie deshalb Sandalenleute, auch Arme von Lyon, ſpäter Waldenſer. Als ihnen die Biſchöfe das Predigen des Wortes Gottes verboten, erklärten ſie Gott mehr gehorchen zu müſſen als den Menſchen und appellirten an den Papſt. Von dieſem 1184 in den Bann gethan, hielten ſie um ſo feſter daran, daß Chriſtus das andt der Kirche ſei und daß die äußerlichen Werke, wie Beichte, Ablaß, Meſſehören, Heiligendienſt, Wallfahrten und dgl. nur dann einen Werth hätten, wenn das Herz zum Herrn bekehrt ſei. Obwohl ſie nun daneben gemäß der überlieferten katholiſchen Anſicht die Eheloſigkeit und ewige Keuſchheit für beſſer hielten als das Familienleben und demgemäß nur unverheirathete Seelſorger kannten, welche an ihrem langen Bart kenntlich Barben(barbae) genannt wurden, ſo wurden ſie doch von der Hierarchie auf Blutigſte verfolgt und mußten ſich in alle Länder zerſtreuen. Hierdurch kamen ſie beſonders nach Italien, in die franzöſiſche Schweiz, an den Rhein, nach Mitteldeutſchland und Böhmen. Petrus Waldus ſelbſt ſtarb wahrſcheinlich in letzterem Lande. Vergeblich verſuchte ſpäter noch einmal der große Papſt Innocens III. die Waldenſer wieder mit der Kirche auszuſöhnen und in eine Art Mönchsorden umzu⸗ wandeln. Sie hatten zu tief in die heilige Schrift geblickt und waren zu heftig verfolgt worden, um in die katholiſche Kirche wieder eintreten zu können. Gegen die Schrecken der Inquiſition fanden ſie beſonders eine Zuflucht in den Hochthälern von Piemont. In der Stille hielten ſie ſich auch an einzelnen Orten Südfrankreichs, während ſie äußerlich zur katholiſchen Kirche zu gehören ſchienen. In der Neformationszeit wurden ſie übrigens ganz evangeliſch durch die Synode von Angrogna 1532. Seitdem behaupleten ſie ſich unter mancherlei Druck und trotz unmenſch⸗ licher Verfolgungen von Seiten Frankreichs und Savoyens(beſonders 1640) bis in die neueſte Zeit, wo ſie ſich auch im übrigen Italien ausbreiten durften und Gemeinden in Turin, Florenz, Rom und Neapel gründeten.

2) Johann Wicliffe. In mehrfacher Beziehung merkwürdig, wenn auch im Großen erfolglos war der kühne evangeliſche Angriff Johann Wieliffe's auf die Bettelorden und auf die ſämmtlichen Mißbräuche der päpſtlichen Kirche. Johann Wieliffe, geb. 1324, geſt. 1384, ein zu Orford gebildeter gelehrter Theolog und Juriſt, kam durch das Studium der Bibel ſeit 1360 in den Streit mit den ſittlich entarteten und verfolgungsſächtigen Bettelmönchen ſowie mit dem herrſchſüchtigen und geldgierigen päpſtlichen Hofe. Als Profeſſor der Theologie in Orford ſeit 1372, bekämpfte er unter dem Schutz des Königs und des Adels den Papſt als Antichriſt, verwarf die willkürlichen Bann⸗ flüche, das Mönchthum, das Fegfeuer, die Nothwendigkeit der Ohrenbeichte, den Ablaß, den Heiligen⸗ und Bilderdienſt; überſetzte die Bibel ins Engliſche; lehrte trotz des päpſtlichen Bannfluchs(1377), daß nicht die Tradition, ſondern nur die heilige Schrift den Glauben beſtimmen dürfe, daß die irdiſche Macht des Papſtes vom Kaiſer komme, daß ſittenloſe Prieſter keine geiſtliche Macht noch Zehnten noch Almoſen haben dürften, daß Chriſtus im Abendmahl geiſtlich gegen⸗ wärtig ſei, aber nicht durch Transſübſtantiation, daß es nur zwei Sacramente gebe und ähnliches mehr. Durch Flug⸗ ſchriften verbreitete er dieſe Lehren unter dem Volk und fand zahlreiche Anhänger. Doch nur durch den Schutz des Parlaments wurde es ihm möglich, ſeine letzten Jahre ungeſtört als Prediger, Seelſorger und Schriftſteller auf ſeiner Pfarrei Lutterworth zuzubringen. Als ſich nach ſeinem Tod kommuniſtiſche und ſocialiſtiſche Beſtrebungen an ſeine Lehre hingen, wurden die beſitzenden Claſſen des Volks ängſtlich und ſchloſſen ſich wieder entſchieden an Rom an. So kam es, daß ſeit 1400 Wicliffes Anhänger verfolgt und unterdrückt wurden. Auf Befehl des Conſtanzer Concils wurde ſogar ſein Leichnam ausgegraben, verbrannt und dann die Aſche ins Waſſer geſtreut. Dagegen lebte Weieliffes Lehre fort in den Huſſitten in Böhmen.

3) Johann Huß. a) Nach ſeinem Erbland Böhmen hatte Kaiſer Karl IV. den Schwerpunkt des deutſchen Reichs und der deutſchen Bildung zu legen geſucht, indem er 1342 die Univerſität zu Prag errichtete und den Deutſchen an derſelben das Uebergewicht über die Böhmen(Tſchechen) durch 3 Stimmen gegen 1 Stimme verlieh. Seitdem war die Univerſität zu hoher Blüthe gelangt, viele Deutſche hatten ſich in Böhmen angeſiedelt, ihre Macht war durch Fleiß und Bildung bedeutend geworden. Doch auch die Eiferſucht der im ganzen noch unkultivirten Tſchechen war wild aufgelodert, weil ſie ſich durch die deutſchen Gelehrten und Bürger unterdrückt glaubten. Gleichzeitig mit dieſer politiſchen Verſtimmung gegen die Deutſchen ging aber auch eine Reformbewegung auf kirchlichem Gebiet durch das böhmiſche Volk. Die Geldgier und Sittenloſigkeit des Clerus und die Rohheit der Mönche hatte bei den chriſtlich geſinnten Leuten längſt ein großes Aergerniß erregt. Einzelne ernſte und fromme Volksprediger, wie Johann von