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nicht nur die Grundſätze des gemeinen Rechts ſondern auch die höchſten und heiligſten Vorſchriften des Chriſtenthums mit Füßen getreten wurden, machten allmälig den Dominikanerorden bei den Völkern gefürchtet und verhaßt.
e) Evangeliſcher als die Reformationsverſuche der Mönchsorden, doch immer noch im Gehorſam gegen die kirch⸗ liche Tradition, war der der Brüder vom gemeinſchaftlichen Leben(fratres de communitate vitae) im 14. Jahrh. Gerhard Groot, geb. 1340, geſt. 1384, Sohn des Bürgermeiſters zu Deventer, von ſeinen Ettern ſorgfältig erzogen, erhielt ſeine theologiſche Ausbildung in Paris, gab ſich als Lehrer an der hohen Schule zu Cölln einem feinen Lebens⸗ genuß hin, wurde aber, als er eines Tages einem öffentlichen Schauſpiel zuſah, durch das Wort eines unbekannten, aber ernſten Mannes getroffen: Was ſtehſt du hier, auf eitle Dinge gerichtet? Du mußt durchaus ein anderer Menſch werden. Er mied ſeitdem die gewohnten Vergnügungen, verzichtete auf ſeine Einkünfte, legte einfache graue Kleidung an, ließ ſich ruhig von den Weltmenſchen verſpotten und begab ſich nach einiger Zeit in ein Kloſter, wo er ſich unter ſtrengen Bußübungen dem Gebet und dem Studium der heiligen Schrift widmete. Im Worte Gottes fand er den völligen Frieden ſeiner Seele. Mit Erlaubniß des Biſchofs von Utrecht zog er dann als Reiſeprediger umher und drang durch gewaltige Verkündigung des göttlichen Geſetzes und Evangeliums auf Buße und Glauben. Weil er indeſſen nicht bloß die Sünden des Volkes, ſondern auch die der Prieſter ſtrafte, ſo ließen dieſe dem Biſchof von Utrecht keine Ruhe, bis er, wenn auch ungern, Gerhard Groot das fernere Predigen verbot. Im Kloſter Grünthal bei Brüſſel, wohin ſich Groot nunmehr zurückzog, fand er einen Kreis von Männern vereint, welcher in tiefſter Verſenkung des Gemüthes in Gott und in herzlichſter Liebe unter einander ſich auf die Ewigkeit vorzubereiten ſuchte. Seitdem war es Groots Wunſch, mit einem gleichen Kreis von Freunden bis an ſein Ende zuſammenzuleben. Aus dieſem Grunde rief er mit mehreren Freunden zu Deventer die Bruderſchaft vom gemeinſchaftlichen Leben ins Daſein. Sie widmeten ſich der Seelſorge, beſonders bei Armen und Kranken, und verbreiteten das Wort Gottes ſowie gute Erbauungsſchriften, indem ſie dieſelben abſchrieben und unter das Volk brachten. Sehr bald war die Bruderſchaft in den größeren Städten der Niederlande und Deutſchlands angeſiedelt und in geſegneter Wirkſamkeit. Jedes ihrer Häuſer trug einen beſonderen Namen; die Brüder wurden vom Volke wegen einer Art runder Filzhüte, welche ſie trugen, Gogel- oder Kugel-Herrn genannt. In der Zeit der Reformation gingen ſie ohne ſchweren Kampf zur reinen evangeliſchen Lehre über. Der berühmteſte Mann, welcher aus ihrer Mitte hervorging, war Thomas Hammerken, gewöhnlich nach ſeinem Geburtsort Thomas von Kempen(a Kempis) genannt, geb. 1380, geſt. 1471. Er verfaßte das Buch von der Nachfolge Chriſti(de imitatione Christi), eine faſt ganz evangeliſche Dar⸗ ſtellung des Lebens in Chriſto, in welcher beſonders die Gedanken des Evangeliſten Johannes einfach und tiefſinnig wiedergegeben ſind, während die eigentlich katholiſchen Meinungen kaum hier und da berührt werden. Die Sünde und Weltliebe ſollen im Herzen ſterben; die Liebe Gottes und Chriſti ſoll es ſelig erfüllen. Von Heiligendienſt, Wallfahrten, Kloſterleben, Legenden und äußerlichen kirchlichen Cärimonien iſt keine Rede; der Papſt iſt nicht erwähnt. Das Buch erlangte eine außerordentliche Verbreitung bei Katholiken und Proteſtanten und muß mit vollem Recht als das bedeutendſte Erbauungsbuch bezeichnet werden, welches aus dem Mittelalter auf uns gekommen iſt.
f) Der letzte Verſuch, die Schäden der mittelalterlichen Kirche im Anſchluß an die herrſchende Tradition zu heilen, ging von den Univerſitäts⸗Theologen und hohen Geiſtlichen aus und fand ſeinen Ausdruck in den großen Concilen zu Piſa, Conſtanz und Baſel. Er wurde hervorgerufen durch die Greuel des päpſtlichen Schismas(1378— 1417), indem zwei und drei Päpſte ſich gegenſeitig in Bann thaten, ſich in ſcham⸗ loſem Aemterverkauf und Erpreſſungen überboten und die Kirche in verderblicher Weiſe zerriſſen. Nachdem das Concil von Piſa(1409), welches zur Hebung des Schismas von den römiſchen Cardinälen beruſen war, durch ſeine Er— wählung eines neuen Papſtes die Spaltung nur noch vergrößert hatte, berief der Kaiſer Sigismund und Papſt Johann XXIII., letzterer durch Noth gezwungen und mit böſem Gewiſſen wegen ſeiner Verbrechen(Seeraub, Simonie, Unzucht jeder Art) das Coneil von Conſtanz(1414— 1418). Die Verſammlung beſtand aus dem hohen Clerus (Cardinäle, Erzbiſchöfe, Biſchöfe, Aebte, Domherrn), den Doctoren der Univerſitäten und einer Menge weltlicher Fürſten, an deren Spitze der Kaiſer ſtand. Den Freunden der Reform ſchwebte der altkirchliche Gedanke vor, das Uebergewicht des Papſtthums in der Kirche zu brechen und den Schwerpunkt der Kirchenleitung in das Concil als Verſammlung der Biſchöfe zu legen(Episkopalismus ſtatt Curialismus oder Papalismus). Allein auf dem Standpunkt der kirchlichen Tradition, welchen ſie ſelbſt mit aller Entſchiedenheit feſthielten, beſonders gegen den böhmiſchen Reformator Johann Huß(Vgl.§. 33, 3), konnte die Durchführung jenes Gedankens unmöglich gelingen. Denn die Tradition des geſammten Abendlandes wußte von keiner andern Kirche als deren Oberhaupt der Papſt war, der Stellvertreter Gottes und Chriſti. An dieſem Widerſpruch ging das Concil zu Grunde. Zwar ſetzte es die ſchismatiſchen Päpſte, auch Johann XXIII. ab, allein es beging unter dem Druck der Tradition den Fehler, alsbald(1417) einen nenen Papſt, Martin V. zu wählen, ehe noch die Reformbeſchlüſſe geſaßt und der päpſtliche Hof darnach neu geſtaltet war. Der neue Papſt aber wußte mit römiſcher Liſt die Mehrheit der Concilväter durch die Eiferſucht auf die Deutſchen für ſich zu gewinnen, ſodaß alle wirklichen Reformen unterblieben und das Concil(1418) erfolglos auseinanderging. Die huſſitiſchen Streitigkeiten, welche aus den Maßregeln des Conſtanzer Concils gegen Huß und gegen deſſen Anhänger hervorgingen, nöthigten Papſt Eugen IV. zur Berufung des Concils von Baſel(1431—47). Da jedoch dieſe Ver⸗ ſammlung die Conſtanzer Reformbeſtrebungen erneuerte, ſich ſelbſt über den Papſt ſtellte und zur Abſtellung der päpſtlichen Gelderpreſſungen zweckmäßige Beſchlüſſe faßte, ſo verlegte Eugen IV. dieſelbe nach Ferrara, von da nach Florenz(1457) und ſprach den Bann über die in Baſel zurückbleibenden Renitenten aus. Zugleich wußte er durch Verträge mit den einzelnen Fürſten, beſonders mit dem gleichgültigen und trägen Kaiſer Friedrich III.(Wiener und Aſchaffenburger Concordat 1448) faſt alle Anſprüche des päpſtlichen Stuhles zu behaupten. Auf dieſe Weiſe waren Ende des 15. Jahrhunderts alle Mißbräuche des kirchlichen Lebens mehr denn zuvor befeſtigt und alle Reformverſuche, welche dagegen vom Standpunkt der Tradition aus gemacht waren, gänzlich mißlungen.
Die Lage der abendländiſchen Kirche war um ſo ſchlimmer, da auch verſchiedene Anſätze, die Kirche auf Grund des Wurte⸗ Gottes und unter Losſagung von der ſchriftwidrigen Tradition zu erneuern, keine allgemeinen Erfolge erzielt hatten.
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