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2 (1879)
Entstehung
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Zwölfter Abſchnitt.

Die Reformationsverſuche im Mittelalter. 32. Die Reformbeſtrebungen vom Standpunkt der kirchlichen Tradition aus.

Der chriſtliche Geiſt war in der geſetzlich und hierarchiſch geſtalteten Kirche des Abendlandes trotz aller Verirrungen und Mißbräuche niemals ganz unterdrückt. Zu jeder Zeit gab es unter Clerus und Laien ernſte und fromme Menſchen, welche einen Zug zur Ewigkeit in ſich trugen, mit Furcht und Zittern nach ihrer Seligkeit trachteten und ihrem Erlöſer aufrichtig in ihrem Stande dienten. Die innige Liebe zu Jeſu, von welcher dieſe frommen Menſchen glühten, machte ſich nicht bloß in ihrem eniſagungsvollen Wandel ſondern auch in Gottesliedern, Hymnen, Gebeten und Predigten Luft, ebenſo zeigte ſie ſich in dem tiefen Schmerz, womit dieſelben je und je die Entartung des geiſtlichen Standes und den ſittlichen Niedergang der Chriſtenheit beklagten, ſowie in dem Eifer der Liebe, mit welchem ſie die vorhandenen Schäden nach dem Maße ihrer Erkenntniß zu beſſern ſuchten.

a) Sieht man von den mehr bahnbrechenden Beſtrebungen Gregors I. und Karls des Großen ab, ſo ging der erſte großartige und umfaßende Verſuch einer kirchlichen Reinigung des Mönchsweſens, des Clerus und der geſammten Chriſtenheit von den Mönchen zu Clugny aus, welche dabei an Kaiſer Heinrich III. eine ſtarke Unterſtützung fanden. In ihren Fußtapfen ſchritt der gewaltige Gregor VII. weiter(Vgl.§. 26, 8).

b) In demſelben Sinne arbeiteten ſpäter die Ciſtertienſer an der Herſtellung und Erhaltung chriſtlich⸗ascetiſcher Kirchlichkeit. Sie hatten zugleich das Glück, in ihrer Mitte einen Mann zu beſitzen, der zu den größten Männern ſeines Jahrhunderts und des geſammten Mittelalters gehörte, den heiligen Bernhard von Clairvaux, geb. 1091, geſt. 1154. Ausgezeichnet durch ſeine innige und brennende Liebe zum Herrn, durch einen unermüdlichen Eifer für die Förderung des Reiches Gottes, durch eine mannigfaltige Thätigkeit als kirchlicher Schriftſteller, durch eine begeiſternde und zündende Beredſamkeit und durch einen das Wohl der ganzen Kirche überſchauenden Blick wurde dieſer Mann nicht nur der Sänger unvergeßlicher Jeſuslieder in lateiniſcher Zunge, welche zum Theil noch in den Liedern Paul Gerhards nachklingen, ſondern auch der Bußprediger, Evangeliſt und Bekehrer vieler Tauſende zu ſeiner Zeit, unter welchen Könige, Päpſte, Biſchöfe und Fürſten waren, der hoch über ſeiner Zeit ſtehende Gegner der ſo oft wiederkehrenden Judenverfolgungen, der Erneuerer des entarteten Mönchthums, der Urheber des zweiten Kreuzzugs, überhaupt eine apoſtoliſche Erſcheinung im weißen Kleide des Ciſtertienſerordens. Die Reformbewegung, welche in ſeinem an Glauben, Demuth, Selbſtver⸗ leugnung und Liebe reichen Herzen ihren Mittelpunkt gehabt hatte, dauerte zwar nach ſeinem Tode noch fort, aber ſelbſt in ſeinem Orden erloſch ſie allmälig, nachdem derſelbe durch unſägliche Entbehrungen und Arbeiten zu Reich⸗ thum und Glanz gekommen war.

c) Ein weiterer bedeutender Verſuch, das Leben der Mönche und Prieſter, noch mehr aber der Gemeindeglieder im ſtrengen Gehorſam gegen Papſt und Kirche, ſowie in vollkommener Entſagung und in apoſtoliſcher Armuth zu geſtalten, ging von den beiden Bettelorden, den Franziskanern und Dominikanern aus. Franciscus und Dominikus, die Gründer dieſer Orden, glaubten beide den Verfall der bisherigen Congregationen daraus ableiten zu müſſen, daß zwar den einzelnen Mönchen vollkommene Armuth und Beſitzloſigkeit zur Regel gemacht war, nicht aber den Klöſtern als Corporationen. Um daher die Verſuchungen des Reichthums in Zukunft für ihre neuen Orden unmöglich zu machen, verboten ſie nicht bloß den Einzelnen, ſondern auch den Klöſtern ſelbſt jeden Beſitz an Aeckern, Weinbergen, Gärten und dgl. ſowie an Geld und edeln Metallen. Indem die Mönche ſich ihren Unterhalt täglich von der Liebe der Gläubigen erbetteln mußten, ſollten ſie in beſtändiger Armuth, Demuth und Mäßigkeit erhalten werden und ihre ganze Kraft auf Gebet, Predigt, Beichthören und andere ſeelſorgerliche Thätigkeiten verwenden können. Insbeſondere ſollten ſie den Glauben und die Einrichtungen der Kirche gegen Waldenſer und Albigenſer im Innern, ſowie gegen Muhamedaner und Heiden nach Außen vertheidigen. Unſtreitig waren dieſe Beſtimmungen von katholiſchem Standpunkt aus folgerichtig und wohlgemeint, nur überſahen die beiden Ordensſtifter wie alle ihre Vorgänger, daß die beſte und heilſamſte Ordensregel immer nur ſo lange gehalten wird als die Begeiſterung dauert, welche durch Entſagung und Weltflucht ihr Seelenheil ſchaffen und dem Herrn dienen will, daß aber eine jede Ordensregel von dem Augenblick an umgangen oder übertreten wird, wo dieſe Begeiſterung aufhört und an deren Stelle die Stimmung des natürlichen Menſchen mit ihrer Luſt an Beſitz, Freiheit und Genuß tritt. Auch die Franziskaner und Dominikaner blieben deßhalb von dem Verfall der übrigen Orden mit der Zeit nicht frei. Als bei ihnen der urſprüngliche Eifer erlahmt war, umgingen ſie ganz einfach aus Genußſucht die Gebote der Regel. Sie erbettelten ungleich mehr als ſie brauchten, brachten es in verborgenen Schlupf⸗ winkeln bei Helfershelfern in Stadt und Land unter und verpraßten es dann bei Gelegenheit in wüſten Gelagen und unter groben Unſittlichkeiten. Der Schaden, welcher aus ihrer Entartung hervorging, war inſofern noch größer als bei der Verweltlichung der früheren Orden, weil ſie auch das Volk zur Theilnahme an ihren Ausſchweifungen verführten.

d) Der Orden der Dominikaner wurde ſeit 1230 der Träger der Inquiſition. Nicht wenige der berühmteſten Theologen des Mittelalters gehörten zwar zu ſeinen Mitgliedern, allein die Greuel der Inquiſitionsproceſſe, bei welchen