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2 (1879)
Entstehung
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c) Ein ungeheuerer Nachtheil für die Sittlichkeit der Geiſtlichen war die ſeit Gregor VII er⸗ zwungene Eheloſigkeit des ganzen Standes. Gab es auch fromme und entſagende Naturen, welche durch Gebet und Arbeit vor ſittlichem Fall bewahrt blieben, ſo konnte doch eine große Menge anderer es nicht ſoweit in der Setbſt⸗ beherrſchung bringen und geriethen entweder in die ſchändlichſte Sittenloſigkeit oder ſchloßen heimliche, vor dem Geſetz ungültige Ehen, für welche ſie dem Biſchof eine jährliche Abgabe zahlten. Am unglücklichſten waren die Kinder, welche aus dieſen verbotenen Chen hervorgingen. Unzählige Verbrechen und Gewiſſensnöthen aber verbargen ſich in der Stille Aus ähnlichen Urſachen waren die Mönchs⸗ und Nonnen⸗Klöſter zuweilen die Stätten der größten Laſterhaftigleit, ſodaß einzelne, welche ſich durchaus nicht beſſern ließen, bereits im Mittelalter durch Päpſte, Biſchöfe und Fürſten ganz aufgehoben wurden...

2) Alle genannten Uebelſtände und Mängel des kirchlichen Lebens im Mittelalter traten in geſteigertem Maße am päpſtlichen Hofe hervor. Zwar galten die Päpſte allgemein als die Stell⸗ vertreter Gottes und Chriſti, als die Oberhirten der Chriſtenheit und als die Wächter des göttlicheu Geſetzes. Aber ſehr oft brachten ſie ſich ſelbſt mit ihrem hohen geiſtlichen Amt durch ihr Verhalten in Widerſpruch und gaben hierdurch das größte Aergerniß.

2a) Dies geſchah zunächſt ſchon durch ihre Stellung als italieniſche Fürſten. Mebhr noch als andere Prälaten wurden ſie durch dieſelbe in die krummen Wege, Lügen und Gewaltthaten der Politik verflochten, welche ſich mit ihrem Amte nicht vertrugen. Dazu kamen die Verſuchungen des Reichthums und des Cölibates, durch welche viele Päpſte in ein üxpiges ausſchweifendes Leben, ihr ganzer Hof in Schandthaten und Greuel geriethen. Bereits im 9. und 10. Jahrhundert gab dies den Gläubigen den ſchwerſten Anſtoß. Seit 1130 gründete der Reformator Arnold von Brescia darauf ſeine Forderung, daß die Päpſte ihre weltliche Herrſchaft aufgeben und in apoſtoliſcher Einfachheit nur ihrem kirchlichem Amte leben ſollten. Zum Dank ließ ihn freilich Hadrian IV. in Nom 1155 hängen verbrennen und ſeine Aſche in die Tiber werfen. Im 13, 14. und 15. Jahrhundert waren die Greuel des päpſtlichen Hofs in Italien, Deutſchland und Frankreich ſprichwörtlich geworden. Beſonders mochte hierzu das ſogenannte babyloniſche Exil der Päpſte in Avignon(1305- 1377) und das noch ärgerlichere päpſtliche Schisma(1378 1417) Veranlaſſung und Stoff liefern. Die furchtbarſte Entartung zeigte ſich jedoch unter Alexander VI. aus dem Hauſe Borgia(1492 1502) Unter ihm entſtand das ſpäter oft mißverſtandene Sprüchwort: Wer vom Papſt ißt, ſtirbt daran(qui mange du pape, en meurt). Denn die römiſchen Großen, deren Güter er einziehen wollte, fanden an ſeiner Tafel ihren Tod durch Giſt. Meuchelmord, Raub und Chebruch wurden überhaupt ungeſcheut von ihm geübt. Seinem begabten, aber höchſt gewiſſenloſen Sohn Ceſare Borgia, einem Brudermörder, brachte er mit Gewalt und Unrecbt ein Fürſtenthum zuſammen Er ſelbſt ſtarb an Gift, welches er oder ſein Sohn für einen Cardinal bereitet hatte.

b) Einen weiteren Anſtoß gaben die Päpſte durch ihre unerſättliche Habſucht. Schon ſeit dem 7. Jahrhundert zwangen ſie die Erzbiſchöfe, ihr)e Amts-Mäntel oder Pallien für große Summen von ihnen zu erlangen. Mit der Zeit zogen ſie die Einkünfte erledigter Bisthümer, Domherrnpfründen und Abteien unter dem Titel von Annaten auf ein oder zwei Jahre an ſich, empfingen aus dem ganzen Abendland den Peterspfennig, dispenſirten für hohe Beträge von Faſten, Ehehinderniſſen und kirchlichen Büßungen, empfingen jährlichen Tribut aus Ungarn, Portugal und andern Ländern, maßten ſich Zölle von der Rheinſchifffahrt an und wußten duich ihre Legaten unter allerlei Vor⸗ wänden Geldſummen zu erpreſſen, z. B. ſeit 1300 durch die ſogenannten Jubeljahre und ſeit 1450 durch das Vorgeben, die Türken aus Europa vertreiben zu wollen. Das Schändlichſte in dieſer Beziehung war die ſchamloſe Simonie, welche am päpſtlichen Hofe getrieben wurde. Denn während dieſe von Niemanden ſo ſchwer verdammt war als von den Päpſten, wurde ſie doch von Niemanden ſo ſchnöde geübt als von ihnen. Für Geld konnten die unwürdigſten Menſchen geiſtliche Aemter erhalten. Beſonders Italiener, welche die ſchmutzigen Kanäle in Rom zu finden wußten, wurden auf dieſe Weiſe mit den einträglichſten Pfründen in Deutſchland, Frankreich, England u. ſ. w. zum großen Aergerniß der Landesbewohner begabt.. 4

c) Nicht geringen Zorn erregten die Päpſte weiter durch ihre Uebergriffe auf politiſchem Gebiet. Durch ihre Forderung, Oberlehnsherrn ker Kaiſer und Könige zu ſein und die letzteren nach Willkür ein und abzuſetzen, reizten ſie nicht nur beſtändig die Fürſten ſondern häufig auch die Völker zum Widerſpruch, und an der Selbſtſtändig⸗ keit der letzteren ſcheiterte bereits im Mittelalter nicht ſelten die päpſtliche Macht Selbſt der gewaltige Innocens III. ſchleuderte daher vergeblich 1215 der Bannfluch gegen die Stände von England und gegen ihre Magna Charta, als ſie ihn nicht als Oberlehnsherrn des Reiches auerkennen wollten. Bonifacius VIII.(1294 1303) aber unterlag noch entſchiedener im Kampfe mit Philipp von Frankreich, als er behauptete, der Inhaber nicht nur des geiſtlichen ſondern auch des weltlichen Schwertes zu ſein und als geiſtlicher Menſch über alle andern Menſchen Gericht halten zu dürfen, ſelbſt aber von Niemanden gerichtet zu werden(Mißverſtand v. Luk. 22, 36 38 und 1 Kor. 2, 15). Val.§. 27, 2, a.

d) Beſonders dem Clerus gaben endlich die Päpſte noch Anſtoß durch die Privilegien, welche ſie den ſogenaunten Bettelmönchen(fratres mendicantes), den Dominikanern und Franziskaneen verliehen. Lie erlaubten nämlich dieſen, in jeder Diöceſe und Pfarrei zu predigen und Beichte zu hören, und untergruben dadurch den Einfluß der ordentlichen Seelſorger zu Gunſten der päpſtlichen Gewalt(Vgl.§. 32, c).