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Kelch. Zugleich wurde das altkirchliche Dankopfer im Abendmahl zur unblutigen Wiederholung des Opfers Chriſti verkehrt(Vgl.§. 17, 7), die geweihte Hoſtie aber als der lebendige Gott angebetet.
„ 4) Statt der zwei vom Herrn eingeſetzten Sacramente(Taufe und Abendmahl) zählte man deren nach längerem Schwanken ſieben, nämlich Taufe, Beichte(Buße), Abendmahl(Meſſe, von missa est ecclessia, die Gemeinde iſt entlaſſen), Firmelung(eigentlich Firm⸗Oelung), Prieſterweihe(Ordination), Ehe und die letzte Oelung(Sterbeſacrament). Die Beichte wurde ſeit 1215 Geſetz für jeden Chriſten(Vgl.§. 27 1, d.); die Ehe wurde als unauflöslich angeſehen, aber durch eine Menge von ſelbſtgemachten Hinderniſſen erſchwert, von welchen man ſich für Geld dispenſiren laſſen mußte.
5) Der Irrthum, welcher bereits im 2. Jahrhundert hier und da gelehrt war, daß es zweierlei Sittlichkeit gebe, die eine für die gewöhnlichen Chriſten, welche in den natürlichen, von Gott geordneten Lebensverhältniſſen (Familie, Ehe, Beſitz, perſönliche Freiheit, Handel, Ackerbau, Kriegsdienſt u. ſ. w.) verblieben, die andere aber für die vollkommenen Chriſten, welche den evangeliſchen Rathſchlägen(consilia evangelica) folgten und durch die drei Gelübde der Armuth(Beſitzloſigkeit), der Keuſchheit(Familienloſigkeit) und des Gehorſams aus dem Weltleben in das Leben der Engel, d. h. der Sache nach in das Leben der Mönche und Nonnen übergingen,— dieſer Irrthum wurde immer entſchiedener ausgebildet. Das Kloſterleben galt für ſo heilig, daß Kinder daſſelbe gegen den Willen der Eltern, Eheleute gegen den Willen des Gatten erwählen konnten. Von denen, welche ſich in dieſem mönchiſchen Leben noch durch beſondere Heiligkeit(Gebet, Büßungen, Werke der Liebe und Selbſtverleugnung) aus⸗ zeichneten, glaubte man annehmen zu dürfen, daß ſie viel mehr gute Werke thäten als ſie zu thun ſchuldig wären; dieſe überflüſſigen guten Werke bildeten dann angeblich einen Schatz oder Vorrath(thesaurus operum supererogatorum), welcher unter der Verwaltung des Papſtes zum Nutzen der im Fegfeuer gequälten Seelen(Vgl.§. 24, 5) verwendet werden könnte. Wollte Jemand dieſen Vortheil für ſeine verſtorbenen Angehörigen aber erlangen, ſo mußte er ihn ebenſo mit Geld erkaufen(Ablaß), als wenn ein Lebender den Erlaß einer Kirchenſtrafe für ſich erreichen wollte, z. B. den einer ſchwierigen Wallfahrt, eines allzu angreifenden Faſtens und dgl. Einzelne Ablaßkrämer behaupteten ſogar, man könne ſich mit Geld die Vergebung der Sünden erwerben.
6) Im Zuſammenhange mit dieſer völligen Herrſchaft der Tradition wurde die chriſtliche Religion immer mehr geſetzlich, äußerlich und unevangeliſch aufgefaßt; der alte heidniſche Aberglaube aber, welchen Gottes Wort vertreiben ſollte, wurde unter ſcheinbar chriſtlichen Formen wieder ins Leben gerufen und durch die Phantaſien der Prieſter wie der Laien tauſendfach geſteigert. Nicht wenig trug hierzu der Gebrauch der lateiniſchen Sprache bei allen gottesdienſt⸗ lichen Handlungen bei; denn, indem das Volk die geheiligten lateiniſchen Formeln nicht verſtand, legte es denſelben unwillkürlich eine magiſche und zauberiſche Wirkung bei. Das weiteſte Feld aber fand die abergläubiſche und phantaſtiſche Neigung des Mittelalters durch den Heiligendienſt mit ſeinen zahlreichen Auswüchſen(Vgl.§. 18, 5)
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§. 31. Die Schäden des geiſtlichen Standes, beſonders des Papſtthums.
1) Zu den eben erwähnten Schäden des kirchlichen Lebens im Mittelalter kamen noch andere, welche aus der hohen Stellung, dem Reichthum und der politiſchen Macht der geſammten Geiſtlich⸗ keit, aus der lateiniſchen Kirchenſprache und aus dem von Gregor VII. erzwungenen Cölibat hervor⸗ gingen.
a) In Folge der Meinung, daß Schenkungen an die Kirche verdienſtlich ſeien und aus dem Fegfeuer erlöſen könnten, wurden die hohen Geiſtlichen und Aebte mit ungeheuern Beſitzthümern ausgeſtattet. In Deutſchland wurden die Erzbiſchöfe von Mainz, Trier und Cölln die vornehmſten Reichsfürſten; Biſchöfe und Aebte ſtanden Herzögen, Fürſten und Grafen gleich; ähnlich gieng es mit den hohen Prälaten in England, Frankreich, Spanien, Ungarn und überall. Dieſe hohe weltliche Stellung war aber der Ausübung der geiſtlichen Aemter nicht förderlich. Denn als vornehme Lehnsträger und Vaſallen der Kaiſer und Könige mußten die hohen Geiſtlichen ſelbſtverſtändlich auch Heer⸗ folge und Kriegsdienſt leiſten; nicht ſelten konnte man ſie daher im Harniſch und mit dem Streitkolben ſtatt des Schwertes(quia ecclessia non sitit sanguinem) vor ihren Rittern und Knechten reiten ſehen; das oberhirtliche Amt aber blieb unterdeſſen den Seellvertretern oder Officialen überlaſſen. Ebenſo wurden ſie durch ihre Stellung viel zu ſehr in die politiſchen Händel der Höfe und Völker verwickelt, als daß ſie für Predigt und Seelſorge viele Zeit und Aufmerkſamkeit behalten hätten. Nicht weniger ließen ſich viele zu einer glänzenden Hofhaltung mit üppigem Leben bei Eſſen und Trinken, bei Spiel und Jagd verleiten.
b) Der Umſtand, daß die geſammte Schulbildung in lateiniſcher Sprache mitgetheilt wurde, alſo auch die Uebungen in der Predigt des Evangeliums, verlieh zwar dem Prieſterſtande des Mittelalters die Fähigkeit, die Gebete der lateiniſchen Liturgie und die Meſſe mit einigem Verſtändniß zu leſen ſowie die Werke der lateiniſchen Kirchenſchrift⸗ ſteller zu ſtudieren; allein er erſchwerte auch doppelt die doch ſo nothwendige Predigt in der Landesſprache. Nur ſelten fanden ſich fromme und begabte Geiſtliche oder Mönche, welche in die Fußtapfen des Bonifatius und Ansgarius traten und dem Volke durch Verkündigung des Evangeliums in ſeiner eigenen Sprache ans Herz drangen. Dergleichen Männer hatten dann freilich, wie Norbert, der Stifter des Prämonſtratenſer-Ordens(1120) und Erzbiſchof von Magdeburg, oder wie Bernhard von Clairvaur einen ganz außerordentlichen Einfluß auf ihre Zeitgenoſſen. Im Ganzen aber war es ein Mangel des kirchlichen Lebens im Mittelalter, daß es an der volksmäßigen chriſtlichen Predigt fehlte. Auch durch die Franziskaner und Dominikaner, welche ſeit dem 13. Jahrhundert ſehr viel in den Landesſprachen predigten, wurde dieſer Mangel nicht beſeitigt; denn ſie predigten nicht Buße und Glauben, ſondern die Legenden ihrer Ordensgründer und die abergläubiſchen Cärimonien der entarteten Kirche.


